Geschichtenerzähler

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Marterpfahl

Der Marterpfahl stand inmitten des Dorfes, inmitten der Sonne, inmitten der Schuld. Die Hitze sengte alles nieder und der Staub versiegte den Atem. Die Lunge verbrannte und das Herz stolperte in seinen letzten Schlägen. Eine unsagbare Ödnis hatte sich auf das Land gelegt, in dem Rache und Satisfaktion Recht und Moral in die Verbannung geführt hatten.

Der Strick brannte sich in die Haut des am Marterpfahl Hängenden. Schweiß rann seine gegerbte Haut hinab. Seine Augen brannten, waren des Lebens müde. Er wünschte sich, dass das Herz endlich fiel und der Qual ein Ende bereitete. Doch es stolperte weiter, von der wahnsinnigen Furcht getrieben zu sterben.

Der Horizont flimmerte unter dem gleißend hellen Himmel. Das Land lag ausgezehrt und verdorrt da, wo alles zu Grunde ging.

Das Blut hatte begonnen sich zu verkrusten. Bald würde es die Sepsis zum Herzen führen, das immer noch stolperte, aber zunehmend das Gleichgewicht verlor. Es dämmerte nun auch ihm: Dem Tod war nicht mehr von der Schippe zu springen. Dafür war der Marterpfahl nicht errichtet worden.

Langsam ging das Gehirn in die Bewusstlosigkeit über. Das Schlucken fiel schwer, das Atmen war eine Höllenqual und war das Leben nicht mehr Wert. Und trotzdem schlug das Herz wieder und wieder und wieder.

In der Ferne wehte ein einzelner Lufthauch, der sich in der Hitze verlor.

Atlantis

Die Hinrichtung des Mörders Bomer durch seinen Henker

Morgendliches Dämmerlicht in gnadenloser Stille

Schwere Schritte auf dem Gang im Todestrakt

Ein stummer Schrei in Richtung Freiheit

Einen schwarzen Tee für den Richter

Blutrot ist die Sonne und das Herz

Grelles Blitzlicht in Mitten von morbiden Masken

Der Mörder Bomer ist des unfreien Lebens müde

Dem Protest wird ironisch applaudiert

Das Herz schlägt noch seinen eintönigen Rhythmus

Der Henker seinen Sohn erneut im Schach

Die Spritze ist mit Kaliumkarbonat aufgezogen

Das Leben schießt so bittersüß durch die Venen

Ein trauriges Lachen eines Clowns und so voller Sünde

Für ein paar Sekunden sprengt der monotone Lauf der Zeit

Mit gnadenloser Wucht wie eine grandiose Landmiene

Das Leben und das Herz und das Ego und den Tod

In diesem Augenblick ist es die größte Explosion

Steril und ohne Hektik die Frage nach Moral

Es ist traurig und auch so seltsam schön

Ein Betrüger der sich selbst betrügt

Schwarz ist die Seele und grün der Tod

Das erbärmlichste Weib ist die Geliebte

Dabei war es bedingungslos und für immer

Bomer der Mörder - der perfekte Staatsfeind

Der Stoff aus dem Spektakel sind

Der Henker vollstreckt das Urteil und den Morgen

Ein letzter Herzschlag in seiner reinsten Form

Höhnisches Gelächter vom Tod und seinen Freunden

Der Henker liebt seinen Sohn und seine Frau

Das Leben ist nicht so kugelsicher wie man meint

Die Niederlage für einen Moment grandios

Durch die Venen strömt jetzt nichts mehr als der Tod

Und euer Gott spricht Bomer frei von jeder Sünde