Das Abenteuer im Blut

"Rocks coming down!"

"Rocks!"

"Rocks!"

Um sechs Uhr morgens klettere ich über den Zaun des Hostels. Es ist noch dunkel, als unsere Gruppe inklusive drei Guides sich für den Vulkanaufstieg fertig macht. Während die Sonne den Gletscher und die Berge in ein zartes Licht wiegt, sind wir auf dem Weg zur Base des aktivsten Vulkans Chiles, der in den letzten Wochen deutlich an Aktivität zugenommen hat. Als wir ankommen, ist der Nationalpark wolkenverhangen und auch der Vulkan von tief hängenden Wolken umgeben. Die Guides brechen die Tour ab. Es gibt keinen gefahrlosen Weg hinauf. Immer wieder fallen Steine hinunter, im dichten Nebel ein Risiko, das nicht kalkulierbar ist.

Am nächsten Tag um sechs Uhr morgens klettere ich über keinen Zaun. Trotzdem bin ich einige Zeit später mit den selben Guides auf dem Weg zur Base. Der Vulkan zeigt sich in seiner vollen Pracht. Der Himmel ist lila - rot - blau. Die ersten zwei Stunden besteht der Anstieg aus Geröll. Es geht steil bergauf. Dann eröffnet sich ein weites Gletscherfeld vor uns. Mit Spikes und Pickel geht es weiter. Nach einer Stunde mühevollen Anstiegs lassen wir uns auf einer abgelegenen Felsinsel nieder. Von unten ziehen Wolken hinauf. Die Base ist nicht mehr zu erkennen. Die Spitze des Vulkans thront über uns. Hier gibt es kein zurück. Das Ziel ist klar definiert. Doch dann überraschen uns Felsbrocken, die direkt auf uns zu kommen.

 

"Get up and leave!"

 

Alle, bis auf einen der Guides, einen Israeli und mich, schaffen es rechtzeitig zurück auf den Gletscher und damit aus der Schussbahn. Für uns ist es zu spät. Der Weg war zu weit. Das darauf folgende "Stay." ist leise. Im letzten Moment würden wir den Steinen ausweichen müssen, darauf hoffend, dass sie nicht gleichzeitig die Richtung ändern würden. Es ist ein Abwarten. Die Ruhe vor dem Sturm.

Der Moment ist friedvoll, ruhig und doch ist jede Muskelfaser angespannt. Bereit zum rettenden Sprung auf das glatte Gletschereis. Es ist steil. Die Wolken verdecken bedrohlich den Abgrund. Die Felsbrocken rasen mit enormer Geschwindigkeit an uns vorbei. Der Israeli und ich sind sicher. Doch neben uns fällt der Guide und rutscht den Gletscher hinunter. Es ist absolut still. Niemand atmet. Der Schnee ist glänzend weiß und nach Sekundenbruchteilen oder einer Ewigkeit kann der Guide seinen Pickel ins Eis schlagen und verharrt dort. Reglos, als müsste er erst noch überlegen, ob es das Wert ist.

Einige Minuten später sind wir wieder auf dem Weg auf den schmalen Eispfaden Richtung Krater. Der Guide geht als letzter, wirkt abwesend und in sich gekehrt. Nach einer weiteren Stunde erreichen wir das Ende des Gletschers. Der Anstieg wird steiler, das Geröll rutschiger und die Spalten tiefer. Ein Fehltritt wäre fatal. Das letzte Stück ziehen wir unsere Gasmasken über. Der Schwefel ist hier zu stark konzentriert. Am Krater angekommen klopft mir der Guide von hinten auf die Schulter, der Israeli lächelt uns zu. Es ist, als hätten wir es ein bisschen mehr hier her geschafft als alle anderen.


Der Blick in den Schlund des Vulkans ist Wahnsinn. Man kann die Lava und das gewaltige Brodeln im Inneren der Erde hören. Fontänen schießen nach oben. Die Gewalt dahinter bleibt unbegreiflich.

Während alle noch gebannt das vulkanische Treiben betrachten, stehe ich mit dem Rücken zum Krater. Neben mir sitzt der Guide. Unser Blick geht über die Weite, in die Ferne. Unter uns sieht man vereinzelte Berggipfel. Alles andere ist noch immer wolkenverhangen. Es ist still. Aber es ist auch gut.

Am Gletscher angekommen, rodeln wir das Eis hinunter, den Rucksack mit Spikes geschultert und den Pickel in der Hand. Die Gletscherwände sind massiv. Die Geschwindigkeit schleudert einen gegen das Eis. Es ist hart auf Kurs zu bleiben. Jemand hatte gesagt: "Aber das ist gefährlich." Jemand anderes daraufhin: "Es ist Spaß." Als würden sich Gefahr und Adrenalinsucht gegenseitig ausschließen oder gar abstoßen. Der Gletscher hatte währenddessen seine eigenen Regeln.

Am Fuss des Vulkans angekommen, fragt mich der Guide, ob alles ok ist. Klar. Er lächelt mir halbherzig zu. Zum Ausklang gibt es für alle ein Bier. Der Israeli ist schon gegangen. Als auch ich aufbreche, sitzen die Guides zusammen. Einer von ihnen sieht nach draußen. Ich drehe mich noch einmal um und schaue in die selbe Richtung. Es ist keine Wolke mehr zu sehen. Der Vulkan sieht friedfertig aus.

Die Straßen sind belebt. Niemand hört hier das Rumoren des Erdinneren. Die Lava ist verborgen. Bleibt es vielleicht noch für einige Zeit. Es war nicht der Vulkan, der heute sein Opfer zu fordern versucht hat.

Es gibt diese Liedzeile von Mumford & Sons: "Keep the earth below my feet. For all my sweat, my blood runs week." Ich bin mir sicher, dass der Guide einer dieser Menschen ist, die nicht anders können, als wieder hinauf auf das Eis, den Gletscher, den Vulkan - das Abenteuer im Blut.

 © Kuno 02/2017

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Kommentare: 0

#11 Stefan

Hallo Kuno!
Du erzählst von Reisen so faszinierend!!! Ich will mit dir bis zum Ende der Welt!

KUNO

Danke sehr :)


#10 Annika

Liebe Kuno,
wow - was für ein Erlebnis! Du hast mich gerade richtig mitgenommen und ich hatte echt Gänsehaut beim Lesen: toll geschrieben! Respekt!
Gut, dass euch nichts passiert ist. Diesen Tag wirst du dein Leben lang nicht vergessen. Und die Bilder sind der Knaller!
LG Annika

KUNO

Oh wie lieb! Danke schön :)


#9 Ralf Falkowski

Ein faszinierendes Erlebnis und wer will dieses nicht auch einmal so intensiv erleben wie du? Ich würde es sofort mitmachen.
Liebe Grüße
Ralf

KUNO

Intensiv war es ;)


#8 Luisa

Wow! Das ist eine echt spannende Geschichte. Richtig toll geschrieben :) Meine bislang einizige Wanderung auf einen Vulkan war auf Bali - das war aber nicht ansatzweise so gefährlich.
Ich hab in jedem Fall Lust, sowas mal zu erleben!
LG Luisa

KUNO

Ich will auf jeden Fall in Indonesien auch auf Vulkane steigen. Vielleicht eine mehrtägige Tour ;)


#7 Daniela

Oh My God... Mein Atem blieb grad stehen. Wie spannend. Als wäre ich dabei gewesen. Obwohl, ich bin froh, dass ich nicht dabei gewesen bin. Ich hätte mir wahrscheinlich in die Hose gemacht. ;-)
Wahnsinn, ein toller Bericht von deiner Tour und ja, Vulkane sind super spannend. Ich war einmal auf dem Ätna, der rumort ja auch ab und zu. ;-) Das sind wirklich einmalige Erlebnisse, die man nicht mehr vergisst.
Hoffe trotzdem, dass deine nächste Tour nicht ganz so gefährlich ist. ;-)
LG Daniela

KUNO
"The word adventure has gotten overused. For me, when everything goes wrong - that's when adventure starts.", Yvon Chouinard. Passt irgendwie, oder?! ;)


#6 Katrin von BeforeWeDie

Krasse Geschichte. Welcher Vulkan und wo in Chile war das denn? Das hast du gar nicht geschrieben, glaube ich. Mach das mal, dann findet man deinen Beitrag vielleicht auch bald bei Google ;) (wäre schade drum wenn nicht)
Lieben Gruß, Katrin

KUNO

Der Vulkan heißt Villarrica und ist in der Nähe von Pucón. 


#5 Katharina

Hallo Kuno,
ein wirklich toller Beitrag! Dein Schreibstil fasziniert mich immer wieder :-) Die Tour - oh wow. Ich bin hin- und hergerissen zwischen: niemals und will auch! Die Bilder sind auf alle Fälle super. Nach dem Tag hätte ich allerdings etwas stärkeres als ein Bier gebraucht...
Liebe Grüße
Katharina

KUNO

Danke schön, das freut mich sehr :) Chilenen setzen ja hier auf ihren Pisco. Eine gelungene Alternative zum Bier ;)


#4 Stefanie | Comfortzoneless

Hey,
mal wieder ein klasse Beitrag von dir. Ich mag deinen Schreibstil wirklich sehr.
Ich selbst war auf noch auf keiner morgendlichen Wanderung zu einem Vulkan. Deine Bilder zeigen mir auch wieder, dass ich das bald in Angriff nehmen sollte. Ich finde es eine tolle Erfahrung, auch wenn es einige Überwindung und Kraft kostet.
Schöne Grüße,
Stefanie

KUNO

Danke :) Es ist doch umso schöner, wenn man außer Atem oben ankommt und weiß, was man geschafft hat ;)


#3 Julia

Tolle Reportage!
Bin ich verrückt, wenn ich da jetzt auch hin will?

KUNO

Ich würde auch sofort wieder los ;)


#2 Sabine

WOW!!! Das ist ja Wahnsinn! Eine wirklich gefährliche Situation, die du unfassbar spannend beschrieben hast. Gut, dass ihr es alle geschafft habt. Und deine Bilder sind mal wieder großartig.
Ich wünsche dir viele spannende aber weniger gefährliche Situationen auf deiner Reise.
Liebe Grüße
Sabine

KUNO

Danke schön :)


#1 Barbara

Hallo Kuno,
Wow, das ist ja richtig gefährlich!!! Ich glaube, nach dem Erlebnis hätte ich auch ein Bier getrunken, das tut ja den Nerven gut. Aber wunderschöne Ausblicke, der Vulkan sieht faszinierend aufs.
Liebe Grüße
Barbara

KUNO

Der Vulkan war richtig aufregend und spannend. Nicht nur der Aufstieg, sondern auch die Gewalt, die hinter der aufkommenden Lava steckt.