Das Bild in meinem Kopf

Vor nicht allzu langer Zeit ging ich auf die Suche nach etwas, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu finden dachte. Es war ein alter Gegenstand, der mir in die Hände fiel und das erste Wort, dass er mir ins Gehirn setzte, war: analog. Dann kam ein Lächeln und dann nahm ich diesen Auftrag an: Ich wollte das eine Bild schießen, dass ausdrückt, was Zuhause ist. Also zog ich los mit dieser alten Kamera.

Ich stellte jede Entfernung ein und spielte an den Rädchen herum. Auf der Suche nach dem perfekten Bild ging ich auf und ab und saß Minuten lang auf demselben Fleck, nur um dann zu beschließen, dass es das Bild nicht Wert war. Also zog ich weiter, bis ich mich endlich traute den roten Knopf zu drücken und das eine Bild weniger auf meinem Film zur Verfügung zu haben. Dann ging es weiter, über Stock und über Stein zu all den Orten, die mein Zuhause waren. Ich kletterte auf den Rauen Stein, streichte inmitten von Holztieren umher und fand die Stelle, wo früher einmal ein Schatz gelegen hatte und vielleicht sogar heute noch liegt. Immer auf der Suche nach dem einen Foto, das all das ausdrückte, verschwand ich für eine Zeit lang und drückte ein ums andere Mal auf den Auslöser. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen, denn vielleicht hatte ich es gerade geschossen, das eine Bild. Voller Sehnsucht wartete ich geduldig bis der Film sich füllte und voller Angst kniete ich immer wieder irgendwo nieder, ohne das Bild von meiner Netzhaut auf den Film gebrannt zu haben.

Dann war er endlich, und auf der anderen Seite leider, voll. Ich hatte einen Film mit etwas mehr als zwanzig Bildern drauf. Ich kurbelte ihn zurück und er riss. Ich nahm die Klappe hoch und alles wurde überbelichtet. Diese perfekten Bilder, die niemals jemand zu Gesicht bekommen hatte, waren verschwunden. So, als ob sie ihre Magie behalten und noch eine ungewisse Zeit weiter in Ruhe und Frieden existieren wollten. Ich machte ihnen keinen Vorwurf, denn hatte ich es nicht gesehen? Das perfekte Bild, das letztendlich nur in meinem Kopf lebte? Eines Tages würde ich wieder losziehen, mit dieser alten Kamera, der Angst, ein einzelnes Foto zu verschwenden und der Freude, einen Augenblick durch diese alte Linse zu sehen, die mehr Zeit kannte, als mein Leben Jahre.

So steht sie jetzt wieder da, wo sie schon so viele Jahre stand und sammelt noch ein paar weitere. In ihrem schwarzen Antlitz und mit diesem roten Knopf. Und wenn es etwas gibt, dass dieser eine Gegenstand, den ich nie zu Suchen glaubte, mich gelehrt hat, dann ist es nur das eine, das ich nicht in Worte fassen kann, denn es ist das Bild in meinem Kopf. 

©️Kuno 09/2016

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Kommentare: 0

#8 Katja vom WellSpa-Portal

Das finde ich eine wunderschöne Geschichte und vorallem Idee.
Losziehen um dieses eine Bild zu machen.
Gerade wo wir uns doch heute keinerlei Gedanken mehr machen, was wir fotografieren. Denn löschen ist ja kein Problem :-)
Besonders dieses "bewußtmachen" finde ich so wichtig in deinem Artikel.
Danke
Liebe Grüße
Katja

KUNO

Vielen Dank :) Das stimmt, heute kann man alles löschen, bearbeiten, in den rechten Winkel rücken,... es geht ein Stück Authentizität verloren.


#7 Orange Diamond Blog

Hallo Kuno,
genau so eine Geschichte mit dem Film ist mir auch passiert und alle schönen Bilder waren futsch. Aber die Camera habe ich noch, denn sie erzählt eine lange Geschichte!
Deine Worte haben mir sehr gefallen.
Liebe Grüße,
Alex.

KUNO

Ich würde die Kamera niemals weggeben, zudem sie schon meinem Vater gehört hat. Also auch sie erzählt eine lange Geschichte und steckt voller Erinnerungen ;)


#6 Jessi

Hallo Kuno,
ein sehr schöner nachdenklicher Beitrag. Ich kann deine Gedanken soo gut nachvollziehen!
Auch wenn es schade ist, dass der Film gerissen ist, könnte vermutlich kein Bild der Welt für jemand anders das ausdrücken, was du versucht hast festzuhalten. Umso schöner ist es, was du daraus gelernt hast und dass du das Bild auf deine eigenen Netzhaut statt auf den Film brennen konntest.
Liebe Grüße,
Jessi

KUNO

Danke, das ist lieb von dir :)


#5 Claudia Braunstein

Hallo Kuno, das ist eine Geschichte in der man sich richtig gut verlieren kann und den Gedanken freien Lauf lassen darf. Schön. Liebe Grüße, Claudia

KUNO
:)


#4 Barbara

Hallo Kuno,
ich mag Deine Geschichten! Sie bewegen jeden, der sie liest und zeigen auf, wie wichtig Augenblicke sind. Wirklich schön gechrieben.
Das ist auch der Unterschied, digital macht man tausende Fotos, schnell, oft ohne nachzudenken, und ohne sie später je nochmal anzuschauen. Bei einem 24er Film analog macht man sich ganz andere Gedanken. Tja, und überbelichtet durch zu früh aufmachen - das kenne ich von früher...
Liebe Grüße
Barbara

KUNO
Danke schön :) Für mich war es manchmal wirklich schwer auf den Abzug zu drücken. Ich dachte immer, dass es nicht der richte Zeitpunkt, das richtige Motiv,... ist.


#3 Daniela

Eigentlich sind deine Worte zu schön und bedeutend, dass ich jetzt noch einen Kommentar abgeben könnte. Ein Text, der nachhallt und zum nachdenken anregt. Das finde ich toll. Irgendwie lösen deine Worte soviel in mir aus, das ich aber nicht beschreiben kann. Ich habe deine Worte noch und noch einmal gelesen und finde es einfach schön.
LG Daniela

KUNO
Vielen lieben Dank! Es freut mich immer sehr, wenn ich mit einfachen Wörtern etwas in Menschen auslösen kann und danke dir, dass du trotzdem einen Kommentar geschrieben hast ;)


#2 Kathi

Liebe Kuno,
wieder ein sehr schöner, wenn auch etwas trauriger Artikel. Aber er erinnert mich tatsächlich ein wenig an meine Kindheit. Mir ist das auch ganz oft passiert.
Er regt wie immer zum Nachdenken an. :)
Danke dir dafür und viele liebe Grüße
Kathi

KUNO

Danke :)


#1 Angela

Liebe Kuno,
manchmal soll es einfach nicht sein. Ich habe es tatsächlich geschafft zweimal an meinem absoluten Lieblingsvulkan zu sein und dennoch kein Foto von dort mitzubringen. Nachher wurden mir dafür viele geschenkt. Wer weiß, was du noch geschenkt bekommst ...
Liebe Grüße
Angela

KUNO
Anfangs war ich etwas enttäuscht, dass der Film gerissen ist, aber letztendlich ging es auch um dieses Zurückkehren an all die Orte aus meiner Kindheit, die mein Zuhause sind und das war auch ohne abschließendes Foto sehr schön :)