Das kleine Monster und der große Plan

Es gibt diese Nächte, in denen man wach liegt, sich von einer Seite auf die andere wälzt und durch die dunklen Stunden quält. In solchen Nächten kommen einem die wahnwitzigsten Ideen. Meine war: Ich wollte auf Weltreise gehen. Am nächsten Morgen holte mich der Wecker zurück in die Realität und alles andere waren nur noch Hirngespinste. Aber eine Sache hatte sich verändert. Es war, als säße da ein kleines Monster in meinem Kopf das bereits mit Feuer und Eifer am planen war. In ein paar Tagen würde mein Flug nach Neuseeland losgehen: ein Monat Backpacking. Unablässig dachte ich beim Packen, beim Verabschieden und beim Aufbrechen darüber nach, wie es wäre, wenn es nicht ein Monat wäre, sondern ein Jahr. Ich konnte es mir nicht vorstellen, aber allein der Gedanke daran, Freunde und meine Familie so lange allein zurück zu lassen (denn das war es, was ich tun würde), machte mich traurig. In Neuseeland hieß es dann Abenteuer erleben: Bungee springen, Gletscherwanderungen und eines Tages stand ich dann auf dem Mt. Ruapehu mit Blick auf den Mt. Tongariro (im Herr der Ringe: Schicksalsberg), das kleine Monster neben mir. Wir sahen uns an und schlossen in stillem Schweigen diesen einen Pakt. Mit dem Flug nach Hause ließen wir die Freiheit und das Abenteuer zurück, mit dem Versprechen, wieder zu kommen.

 

"The road goes ever on and on. Down from the door where it began. Now far ahead the road has gone. And I must follow if I can.", J. R. R. Tolkien

 

Man fängt langsam und im Stillen an zu planen. Erst noch keine schwerwiegenden Sachen, sondern die kleinen, die noch nichts Endgültiges haben. Dann weiht man zwei, drei Menschen ein und spricht es laut aus, aber immer noch leise genug, dass man Umkehren kann. Die Wochen vergehen und auf einmal wird es ernst. Man muss sich seiner Familie stellen, den Job auf Eis legen, Freunden erzählen, dass man ihre Hochzeit verpassen wird. 

Währenddessen hat das Monster schon ganze Arbeit geleistet und Tausend kleine Kreuze auf die Weltkarte gekritzelt: Südamerika, Südostasien und diese Träumerein wie den Mt. Everest.

 

"All your dreams can come true, if we have the courage to pursue them.", Walt Disney

 

Auf der einen Seite kriecht die Zeit elend langsam voran, aber dann sind da auch diese Momente in denen man denkt: Was zur Hölle mache ich hier?! Nachts lag ich wieder wach, dieses Mal aber, weil ich mich davor fürchtete, was das Wort Weltreise wirklich bedeutete. Je näher man kommt, desto mehr Gewicht gibt man ganz alltäglichen Dingen. Man reflektiert seine Umgebung viel genauer. Will man das wirklich hinter sich lassen?! Ich schaute mir die Fotos an meiner Wand an, legte eine Schallplatte auf, betrachtete das Chaos auf meinem Schreibtisch und nahm meinen Teddy-Bär in den Arm, der mich aus seinen großen Knopfaugen ansah. Damit war es wohl beschlossen: wir waren zu dritt: Mein Teddy, das Monster und ich.

So langsam ging es dann um definitive Dinge: die Planung der Reiseroute, Impfungen, Bankgeschäfte,... Dann sagte ich: Ich werde auf Weltreise gehen. Und ich tat es laut. Für einen kurzen Augenblick war es dann still. Niemand sagte etwas, aber man sah schon die Veränderung, die dieser Satz verursacht hatte. Meistens eröffnete sich eine Schlucht, die immer tiefer zu werden schien und nur ganz selten, gab es jemanden, der nicht lange zögern musste und diesen Wahnsinn für absolut fantastisch befand.

 

"Faithless is he that says farewell when the road darkens.", J. R. R. Tolkien 

 

Ist es egoistisch zu gehen oder egoistisch einen zum Bleiben zu bewegen? Auf einmal stand das Monster vor mir und wedelte mit dem ersten Flugticket: Buenos Aires, Argentinien, Südamerika. Es wurde also offiziell und ernst. Ich sah die Menschen an mir vorbeigehen, die ich vermissen würde und fragte mich, hält es das aus? Aber egal wie, es stand fest, seit jenem Tag in Neuseeland oder vielleicht schon seit jener Nacht, als das Monster mich aufsuchte: Ich würde auf Weltreise gehen. Ganz einfach aus dem Grund, weil ich vor mir selbst aufrecht stehen musste. Und das einzige, was auf meiner Löffelliste steht, ist: Leben. Naiv und idealistisch ging es also jeden Tag einen Schritt weiter in Richtung Abenteuer.

 

"Impossible ist just a word - the most ridiculous I've heard.", Young Rebel Set

 

Eine Zeit lang lies ich mir den Vorwurf des Egoistendaseins gefallen, aber dann fragte ich mich, warum eigentlich? Da kam das Monster auf leisen Sohlen und flüsterte mir ganz sacht ins Ohr, wo es denn eigentlich herkomme. Es sagte, es sei ein Konstrukt meiner Fantasie, geboren an jenem Tag, an dem ich Enqvists "Weil er nicht an das ewige Leben glaubte, hatte er immer Angst gehabt davor, das einzige Leben, das er hatte, zu vergeuden." las. Und so war ich mir sicher, was ich tun musste: Ich würde diesen einen Schritt hinaus in die weite Welt gehen.

Irgendwann ist es dann das letzte Mal gewesen, dass man seine Kollegen gesehen hat, man verabschiedet sich von seinen Freunden und zu guter Letzt von den Menschen, die einem am meisten bedeuten. Unaufhaltsam geht es immer weiter Richtung Aufbruch. Und man freut sich. Trotz allem, was man hinter sich lässt, man will so unbedingt los. Und so zogen Abschied und Wiedersehen Hand in Hand davon und würden mich überall hin begleiten.

 

"Actually, the best gift you could have given her was a lifetime of adventures.", Lewis Carroll 
Ich bin mir absolut im Klaren darüber, was es heißt zu gehen. Genauso wie ich sicher weiß, was es für mich bedeuten würde, wenn ich hier bliebe. Man darf die Menschen nicht aufhalten, wenn sie gehen wollen und hinaus in die Welt aufbrechen, denn das ist es, was sie tun möchten, das ist, was ich tun will - mit allem was da kommt.
© Kuno 12/2016 

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Kommentare: 0

#10 Chris

Hau rein, Kuno und hör auf das Monster!

KUNO

:)


#9 Daniela

Liebe Kuno,
Hut ab! Und lass dich nicht von anderen beirren auf deinem Weg. Schade, dass das Wort Egoismus immer noch so negativ behaftet ist. Ich glaube, manchmal haben wir einfach zu gut gelernt, auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen und bloß nicht zu "egoistisch" zu sein. Dabei sollten wir zunächst auf unsere eigenen Bedürfnisse hören und erfüllen. Denn nur, wenn diese erfüllt sind, können wir auch andere glücklich machen. Höre einfach weiter auf dein (Bauch-) Monster und lass es dir gut gehen.
LG Daniela

KUNO

Da gebe ich dir Recht, Egoismus muss nicht immer schlecht sein, gerade wenn man für sich selbst weiter kommen will. Danke für deinen Rat ;)


#8 Chris

Oh wie sehr ich nachfühlen kann, was in dir vorging.
Gerade das Zurücklassen der Anderen ist bei uns seit 10 Jahren immer wieder ein großes Thema. Und dennoch haben wir uns immer für das "Gehen" entschieden und sind inzwischen größtenteils weg.
Denn letzlich ist es in unserem Fall so: wenn wir blieben, wäre das nicht gut für uns, für unsere Stimmung und unsere persönliche Entwicklung. Und damit auch nicht gut für die Menschen um uns herum - selbst die engste Familie hat es inzwischen akzeptiert und freut sich mit uns, dass wir einen Weg gefunden haben, der uns glücklich macht.
Problematisch wurde es zum allersten Mal vor einem Monat, als meine Mutter aus dem Nichts verstorben ist. 2 Wochen bevor sie und mein Vater zu uns nach Thailand gekommen wären, zum wiederholten Male und für zwei Monate zusammen in der Ferne. Wir sind am nächsten Tag nach München geflogen.
Jetzt steht die Zeit für mich nach wie vor still - unser Sohn lebt mir aber tagtäglich vor, dass es weitergeht. Und so werden wir in einer Woche wieder "weggehen", meinen Vater im Schlepptau und unser Leben so weiterleben, wie wir es für gut befinden - nichts anderes hätte sie gewollt.
Liebe Grüße und danke für deine persönlichen Worte in diesem Artikel!
Chris

KUNO

Ich finde es super und habe wirklich großen Respekt vor eurer Entscheidung euer Leben so zu leben. Es wird sicherlich immer wieder Momente geben, in denen man alles in Frage stellt, aber besser, als das ganze Leben nicht so zu leben, wie man es für sich richtig findet. Todesfälle sind da natürlich das Schlimmste, was passieren kann. Herzliches Beileid! 


#7 Jessi

Liebe Kuno,
auch von mir alles Gute für deine Weltreise!
Ich verstehe sehr gut, dass Dir der Abschied schwer fällt und sich manchmal Zweifel einschleichen. Aber eine Weltreise ist ja auch nichts endgültiges. Wenn es Dir irgendwann doch nicht mehr gefällt und Dich das Heimweh plagen sollte, kannst Du ja jederzeit abbrechen und das wäre auch keine Schande. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass Du deine neuen Eindrücke so genießen wirst, dass die Zweifel schnell verfliegen. ;)
Liebe Grüße, Jessi

KUNO
Danke :) Es wird bestimmt seine Höhen und Tiefen geben, aber zur Zeit bin ich mit meinem Schritt vollends zufrieden ;)


#6 Annika

Liebe Kuno,
das hast du richtig toll geschrieben und auch vor allem deine Gefühlswelt gut beschrieben. Ich wünsche dir für deine Weltreise, dass du jeden Tag, jede Stunde, jede Minute in vollen Zügen genießen kannst - mit Teddy und Monster. Es wird bestimmt nicht immer leicht, aber das wäre es "zu Hause" auch nicht. Du lebst deinen Traum, da kannst du verdammt stolz drauf sein!
LG Annika

KUNO

Danke schön, das ist super lieb :) Ich werde mein bestes geben ;)


#5 Simone

Hallo, tolle ehrliche und offenen Worte, die ich so gut nachvollziehen kann :) Als ich für mehrere Wochen nach Südafrika aufgebrochen bin ging es mir genau so. Ich glaube es ist wichtig, eine Mischung aus Abenteuergeist und Heimatverbundenheit in sich zu haben. Wenn man erst mal unterwegs ist, fühlt sich alles ganz toll an - und das daheim ankommen dann irgendwann auch wieder. Gute Reise!! Simone

KUNO

Danke für deinen Kommentar und die aufmunternden Worte :) Ich glaube auch, dass jeder für sich ausmachen muss, wo und wie er sein Leben verbringen will. Und wenn ich jetzt hinaus ziehe, heißt das ja nicht, dass ich nicht gerne wieder nach Hause komme ;)


#4 Elena

Ich wünsche dir viele neue Eindrücke, tolle Menschen, die dir begegnen und vor allem, dass du gesund wieder kommst!

KUNO

Danke :)


#3 Barbara

Liebe Kuno,
Das Grau spiegelt hoffentlich nicht Deine Stimmung wieder, so kurz vor Deiner Weltreise?! Ich finde es super, dass Du das durch ziehst, sogar noch gut geplant (ich würde einfach so losfahren, fürchte ich...) und im Bewusstsein, dass das, was Du tust, das Ergebnis dieser Idee ist und Du sicherlich wunderbare interessante Erfahrungen machen wirst. Es ist ja heute nicht mehr so, dass die Daheimgebliebenen weit weg sind, dank moderner Medien sind sie nahe und können verfolgen, was Du so treibst. Viel Spaß und genieße diese freie Zeit!
Liebe Grüße, Barbara

KUNO

So kurz vor der Abreise war es schon komisch... Abschied nehmen,... aber ich bin froh es gewagt zu haben und bin gespannt, wo die Reise hingeht :)


#2 Sabine

Ein toller Artikel liebe Kuno! Egoistisch? Nein! Egoistisch sind die, die dich von deinem Lebensweg abbringen wollen. Ich freue mich für dich! Lauf los und lerne die Welt kennen, vielleicht kommst du schnell wieder zurück zu deinem Ausgangspunkt. Wer weiß, vielleicht ziehst du auch los um zu bleiben. In jedem Fall wird es gut sein!
Ich wünsche dir eine aufregende Zeit mit vielen beeindruckenden Erlebnissen.
Herzlichst
Sabine

KUNO
Danke! :) Ich bin wirklich gespannt wo es mich letztendlich hinbringt. Ich denke die Hauptsache ist, man geht seinen eigenen Weg :)


#1 Christina

Super schön geschrieben - niemand sagt, dass es einfach ist zu gehen. Für mich wäre es aber noch viel schwerer gewesen es nicht zu tun. Wenn man irgendwann zurückkehrt weiß man zumindest, dass man das, was man schon ewig vor hatte getan hat. Ich glaube, dass es mir leichter fallen wird irgendwann, irgendwo mal zur Ruhe zu kommen, wenn ich bereits ein ganzes Buch voller Reise-Geschichten schreiben könnte.

KUNO

Danke schön :) Ich denke auch, dass es wichtig ist seine Träume zu leben und sich diesen einen Schritt zu trauen. "Irgendwann mal zur Ruhe zu kommen" hast du aber schön gesagt ;)