Das kleine Monster und die Melancholie

[Teil 1: Das kleine Monster und der große Plan]

Würdest du es wagen? Das Abenteuer? Das Überwinden aller Ängste? Würdest du losziehen? In die Weite dieser Welt? Alles hinter dir lassen und dich voll und ganz deiner Träume hingeben? Mit allem, was da kommt?

Abschied

Es sind diese kleinen Momente voll von großer Bedeutung. Ein letztes Mal für ein ganzes Jahr. Eine bewusste Entscheidung voller Vorfreude und gleichzeitig so grausam. Auf einmal fällt es über einem ein. Der Flug wird ein letztes Mal aufgerufen. Niemand hält einen auf. Aber es zieht einen auch niemand. Man steht still. Für diesen schrecklichen Augenblick, der sich Abschied nennt. Man geht. Kehrt seinem Leben den Rücken zu. Den Menschen, die man liebt. Weil man hinaus muss in die weite Welt. Weil man atmen muss. Man weiß vorher nicht, dass es nicht der einzige Abschied sein wird, der einem den Boden unter den Füßen wegreißt. Denn wüsste man es, würde man vielleicht nicht gehen. Doch hier steht man also und wagt das Abenteuer, ganz einfach aus dem Grund, weil man daran glaubt, dass auf Abschied auch Wiedersehen folgen kann. Das kleine Monster sitzt verträumt auf seinem Platz. Das Flugzeug hebt ab. Es geht hinaus in die ferne, weite Welt.

Tag 1

Um einen herum ist Hektik. Es ist laut, es ist heiß, es ist mehr ein Versuch zurechtzukommen, als das, was man so lange im Kopf hatte. Tag 1 und die Welt bereisen sind so weit distanziert, dass es schmerzt. Die Erinnerung an den Abschied, an den Aufbruch werden laut. Aber wieder entscheidet man sich dafür. Man übersteht diesen ersten aller Tage, weil man immer noch voller Träume ist. Es dauert seine Zeit. Man reist weiter, trifft Menschen, aber man ist noch nicht angekommen, obwohl man eigentlich nicht einmal weiß, wohin mal will. Vielleicht ist das der Grund. Man hat keinen Plan mehr vom Leben. Man hatte ihn, aber dann ist man in dieses Flugzeug gestiegen und auf einmal gab es keine Zwänge mehr, nur noch die Bürde der grenzenlosen Freiheit. Immer wieder nimmt das kleine Monster einen an die Hand, zieht einen weiter, vorbei an dem Grau der Metropole, hinein in die große bunte Welt.

Rettung

Man trifft diesen einen Menschen und weiß, dass man angekommen ist. Hier an diesem Ort umgeben von Bergen und dem leisen Leben einer anderen Welt. Sich lieben, über alle Distanzen hinweg. Über Grenzen. Über alles. Nur wenige werden es jemals schaffen. Wir haben es nicht. Wieder einmal heißt es Abschied nehmen. Lebewohl, obwohl man nicht weiß wie. Die ersehnte Rettung wird zum Drahtseilakt. Man entscheidet sich für die Welt und gegen die Liebe. Gibt ihr keine Chance, damit sie keinen Schaden anrichten kann. Denn man muss aufrecht gehen können. Das kleine Monster ist zum ersten Mal verwirrt, vielleicht sogar ein bisschen bestürzt, als es die letzte Umarmung zweier Menschen sieht, die das Ende besiegelt. Keine Rettung in Sicht.

Freiheit

Veränderung geschieht nicht nur dort, wo man selbst ist. Menschen sterben. Man selbst bleibt. Hier an diesem Ort und weit weg von den Menschen, die zu dieser Zeit trauern. Doch als man die tosenden Gletscherspalten ins eiskalte Wasser krachen hört, weiß man, dass es nicht falsch sein kann. Denn vielleicht ist es wahr und man ist auf den Gipfeln dieser Welt dem Himmel am nächsten.

Von den eisigen Gletschern über Berge, an tiefblauen Seen vorbei, durch nadelgrüne Wälder bis hin auf lavasprühende Vulkane. Man verfällt der Droge, die sich Freiheit nennt. Jeder Atemzug wird reines Leben. Jeder Herzschlag der Beweis, dass Abschied und Ewigkeit nicht immer dasselbe sind. Denn manchmal sieht man sich wieder. Am Ende aller Tage.

Grenzgänger

Man besteigt Gletscher, erklimmt Eiswände in atemberaubender Höhe, streift durch karge Wüsten. Man klettert Wasserfälle hinunter. Der Kopf schlägt gegen Felsen. Es gibt kein zurück. Adrenalin bahnt sich seinen Weg. Man zahlt den Tribut, aber man lebt. Bis die Steinlawine hinunterfällt. Es sind diese Momente, nicht mehr als ein Bruchteil einer Sekunde, in denen man sich entscheidet. Hält man fest oder stürzt man die Gletscherspalte hinab? Gibt man auf oder bezwingt man die Wassermassen, die tosend in die Tiefe stürzen? Bleibt man zurück oder nimmt man das Leben an? Es sind nicht die Grenzen der Länder die brutal sind. Es sind die anderen. Zwischen Leben und Sterben. Und manchmal eben auch die, die man selbst errichtet. Zwischen Menschen. Weil man sich selbst schützen muss oder weil man sie schlicht und ergreifend nicht überwinden kann.

Träume

Jeden Tag wacht man auf aus einem heilvollen Schlaf, der alles verarbeiten muss und keine Zeit lässt für Zweifel oder Traurigkeit. Dann beginnt man, lässt die Dämmerung ziehen und gibt sich voll dem hin, das da kommen mag. Man ist einer dieser verrückten Tagträumer, die durch die Welt laufen wie es ihnen gefällt. Und man liebt es. Seite an Seite mit dem eigenen Monster und dem Versprechen an das eigene Leben, dass es das Wert ist. Also springt man den Wellen hinterher und jagt den Sternen nach. Man begreift das Wunderbare und Fantastische. Und im nächsten Augenblick hat man es wieder verloren, weil man nicht mithalten kann, mit der Zeit, in der sich die Erde dreht. Aber das ist ok. Denn man ist hier. Jetzt. Am Leben. Völlig frei, solange man noch Träume hat.

Grenzenlos

Auf einmal versteht man, dass die Welt grenzenlos ist. Mit all den Möglichkeiten, die sie zu bieten hat. Man nimmt sie an. Die Welt liegt einem zu Füßen. Von den hohen Bergen bis zu den weiten Ozeanen. Zwischen den Bäumen und tief hinein in die Wälder läuft das kleine Monster. Durch Wiesen und an Bachläufen vorbei bis ans Meer, wo es das Blau der See sucht und noch so viel mehr findet. Denn es hat verstanden, was so vielen verborgen scheint: Es lebt. Für ein ganzes Leben lang.

Momente

Am Ende der Welt ist nur der Anfang. Es ist weit weg von Zuhause, aber gleichzeitig der Ort, an dem man sein muss. Ohne festgelegte Koordinaten. Irgendwo hier ist der Frieden. Und irgendwann kehrt man wieder heim. Weil die Welt einem vielleicht alles geben kann, aber sie kann einem auch alles nehmen. Also folgt man noch eine Weile dem Monster, ohne jemals zu vergessen was Heimat ist.

©Kuno 05/2017

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Kommentare: 0

#10 Jessica

Danke für diese tollen Worte. Für mich ist es auch bei kurzen Reisen manchmal sehr schwer mein gewohntes Umfeld hinter mir zu lassen. Zwar bin ich auch ein echter Weltenbummler und immer auf der Suche nach Abenteuern, allerdings schwingt immer ein bisschen die Melancholie mit.
LG Jessica

KUNO

Der große Zwiespalt, der ja irgendwie auch beide Seiten so spannend und unwiderstehlich macht...


#9 Katja vom WellSpa-Portal

Einfach wunderbar und gruselig zugleich - Abschied und Neuanfang
Was in jedem Fall für immer bleibt, die Erinnerungen an das Erlebte nimmt dir niemals jemand.
Ich kann Deine Gefühle komplett nachvollziehen.
Wunderbar geschrieben.
Liebe Grüße
Katja

KUNO

Danke schön :) Ja, der Reisende wird sich wohl immer irgendwie darin wiederfinden...


#8 Barbara

Hallo Kuno,
Deine Texte und Fotos sind ganz besonders - bleib' so wie Du bist, das ist einfach spitze und berührend. Das mit dem Monster und dem Leben und dem Lieben und dem Abschiednehmen sind große Themen. Jeder löst sie anders und für sich. Aber nur wenige können so darüber schreiben. Weiter alles Gute für Dich und schöne Erlebnisse auf Reisen!
Liebe Grüße
Barbara

KUNO

Danke Barbara, das ist wirklich ein tolles Kompliment und hat mich sehr gefreut. Ich werde mein Bestes geben ;)


#7 Anita

Ich hab da das Problem mit dem Engelchen und dem Teufelchen auf meinen Schultern: das Engelchen ist vernünftig und erzählt mir ständig was vom Arbeiten, Geld verdienen, der Pensionsvorsorge und dem schicken Auto, das ich mir leisten muss. Das Teufelchen sagt immer "Räum dein Konto leer und hau endlich mal ab. Geh dir die Welt anschauen". Nun ja... bis jetzt habe ich auf das Engelchen gehört - aber ich habe auch meinen Job gekündigt und mache vielleicht mal einen Packt mit dem Teufel ;) Liebe Grüße und weiterhin alles Gute!

KUNO

Man kann ja auch gut einen Zwischenweg finden, denke ich. Am Ende muss man das tun, was für einen das beste ist, auch wenn man dann zugeben muss, dass das Teufelchen nicht ganz unrecht hat ;)


#6 Ina

Sehr sehr schön geschrieben.... mir fehlen echt die Worte.
LG
Ina

KUNO
Danke :)


#5 Eddy Harteneck

Liebe Kuno, wieder mal ein toller Artikel, den ich gleich zweimal gelesen habe. Ich mag Deinen Schreibstil sehr, die kurzen Sätze, die Nachdenklichkeit. Nicht einfach zu folgen. Aber großartig.... Was die Droge Freiheit angeht und auch die Heimat... beides ist lebenswichtig. Ohne Heimat kein Trennung und ein Schmerz, aber auch kein Ankommen, kein Vermisstgewordensein... ohne Freiheit gibt einem auch die Heimat weniger, ohne freies Denken kein Einlassen auf Fremde Kulturen. Ohne Heimat fehlt wieder der Bezugspunkt. Ich denke ein Leben zwischen den Polen Freiheit oder Weltoffenheit einerseits und Heimat/Geborgenheit andererseits erfüllt, trotz - oder gerade - wegen der Gefühlsachterbahn, der man ausgesetzt ist. LG und weiter so mit Deinen Texten, Eddy

KUNO
Wow, vielen, vielen Dank! Ich gebe dir voll und ganz Recht und irgendwie will man diesen Zwiespalt ja auch, sonst würde es einen nicht immer wieder so hin- und herreisen ;)


#4 Gina

Was für ein schöner, poetischer Text!
Ich habe mich in vielem wiedergefunden, auch wenn ich es nicht so ausdrücken könnte. Danke!
LG
Gina

KUNO
Danke, das freut mich :)


#3 Jessi

Liebe Kuno,
wow - dein Text spricht mir soo aus der Seele, wunderbar und ehrlich geschrieben!
Ich glaube, diesen Zwiespalt erlebt jeder, der für längere Zeit auf Reisen geht und du hast diese Gefühle wirklich super gut zum Ausdruck gebracht. Am Ende kommt es einfach darauf an, wie man damit umgeht und ich denke, du hast da einen schönen Weg gefunden ... ;)
Liebe Grüße,
Jessi

KUNO

Vielen, vielen Dank :)


#2 Monika und Petar Fuchs

"Auf einmal versteht man, dass die Welt grenzenlos ist" - Genauso ist es. Man muss jedoch den Mut aufbringen, über die selbst gesetzten Grenzen hinaus zu gehen. Und das tun nur wenige. Ein wunderbarer Post.

KUNO

Danke schön :)


#1 Gregor

Da fehlen einem die Worte.
Einfach nur Klasse³

KUNO

Danke :)