Weltfrieden

Im Traum kann man nicht sterben. Man kann fallen, man kann verfolgt werden, man kann die schlimmsten Ereignisse durchlaufen, aber man kann nicht sterben. Irgendetwas wehrt sich dagegen. Der Traum will es nicht wahr sein lassen, dass das Leben nur so enden kann.

Jeden Morgen entscheidet man sich aufzustehen. Den Tag anzunehmen. Man geht hinaus. Nimmt diesen einen Weg. Er führt steil und schmal geradewegs an den Abgrund. Er ist gewaltig und wunderschön. Man geht weiter, weil man mehr will. Der Weg ist staubig und voller Geröll. Ein falscher Schritt und man fällt.

Fast eintausend Menschen sind hier schon gefallen. Die Aussicht ist wahnsinnig ergreifend. Man geht weiter, weil man nicht anders kann. An diesem Punkt kehren die wenigen, die es überhaupt bis hierher gewagt haben, zurück. Der Weg ist auf keiner Karte verzeichnet, wenngleich er bezwingbar ist. Er wird so schmal, dass ein Windstoß, ein unachtsamer Schritt, ein Abfallen des lockeren Felsens fatal wäre. Man würde sich zu den fast eintausend dazu gesellen. Man geht auf die Knie. Kraxelt, robbt, versucht sich zu halten und man wäre vielleicht umgekehrt, wäre einem nicht jemand entgegen gekommen. Am ganzen Körper zitternd und mit einem seltsamen Glanz in den Augen. Irgendetwas zwischen absoluter Faszination und einer Höllenangst im Nacken. Man geht weiter. Man sieht das Ende des Weges und hält inne, denn wenn man jetzt noch einen Schritt weiter geht, dann hat man sich endgültig entschieden. Man setzt ihn. Man geht mit weichen Knien, obwohl gerade das es ist, was, den Abgrund zu beiden Seiten, so gefährlich ist. Aber dann steht man da, an diesem Ort, den nicht viele jemals betreten werden und davon nicht alle zurückkehren. Die Knie schmerzen. Alles ist staubig. Die Atmung ist tief. Der Herzschlag pocht in der unendlichen Stille des Moments.

Vor einem liegt der weite Ozean. Ein einsamer Strand. Vögel fliegen über das grüne Tal. Wasser fällt die Abhänge hinunter. Aber es ist alles still, denn all das ist meilenweit entfernt von dem Felsvorsprung, auf dem man selbst steht. Nebel steigt auf und nimmt den Weg entlang der Klippen. Es ist, als hätte man seinen eigenen Weltfrieden gefunden. Langsam geht man zurück. Mit einer unbegreiflichen Furcht. Man dreht sich noch einmal um, als man den schmalen Bergkamm verlässt. Es ist immer noch unfassbar still. Erst jetzt merkt man wie sehr der eigene Körper zittert. Man kann nicht einmal lächeln, denn irgendetwas tief im Inneren wehrt sich dagegen. Jeder Schritt, jeder einzelne Schritt unterliegt der eigenen Entscheidung. Aber manchmal führt er eben zu einem Ende, auf das man keinen Einfluss hat. Nicht heute. Nicht hier. Der Traum hat für einen Moment über die Realität gewonnen. Man kann fallen, aber man kann nicht sterben, denn vorher wacht man auf.

Ich habe gesehen, was das Leben zu bieten hat und die Welt einem zeigt, aber auch was sie fordert und was sie nimmt. Es war niemals eine Todesangst, aber die Furcht danach war viel schlimmer: Nicht jeden Tag das Wunder zu sehen und sich nicht jeden Moment für das Leben zu entscheiden. Und vielleicht hatte ich in diesem Augenblick auch diesen merkwürdigen Glanz in den Augen, der den nächsten an den Abgrund geführt hat. Ich habe noch gewartet, bis er wieder zurück war. Vielleicht hat es heute ja ein jeder geschafft. Zumindest diesen einen Weg. Aber es gibt da draußen so viel Grausamkeiten, so viel Unrecht, so viel Gewalt, dass man sich fragen sollte, ob es nicht wahr ist, dass nur der Traum einen beschützt, wo das Leben es nicht länger kann. Dass man den Weltfrieden nicht findet, wenn man sich selbst bekriegt.

©️Kuno 06/2017

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Kommentare: 0

#9 Anita

Liebe Kuno,
wieder einmal ein wunderschöner Text von dir, der sehr zum Nachdenken anregt. Jede Reise und jede Wanderung ist für mich ein Schritt ins Ungewisse. Was wird geschehen? Was werde ich erleben und werde ich wieder nach Hause kommen? So gern und so oft ich auch in die Berge gehe, so stelle ich mir doch auch immer wieder diese Fragen. Gerade ist ein Bergfreund von mir tödlich verunglückt, mit dem ich noch im April auf Wanderurlaub in Madeira war. Er war ein erfahrener Bergsteiger, der auf der Suche nach seinem Glücksmoment am Mont Blanc den Tod fand. Solche Erlebnisse machen mir Angst. Trotzdem werde auch ich weiterhin reisen und trotzdem werde ich Kraft in der Natur und auf Berggipfeln schöpfen, denn trotz der Angst bedeutet das für mich zu leben und sich für den Moment zu entscheiden. LG, Anita

KUNO

Das tut mir Leid zu hören! Ich denke die Natur fasziniert gerade durch diese Gratwanderung: gewaltig und lebendig. Für mich zumindest macht das den Reiz aus.


#8 Barbara von Barbaralicious

Liebe Kuno,
danke für deinen Text, der so emotional und ehrlich ist. Ich persönlich mag den letzten Satz am liebsten. "Dass man den Weltfrieden nicht findet, wenn man sich selbst bekriegt." Wir kämpfen alle so viele Kriege. Innen wie außen. Aber wenn wir den Krieg im Innern nicht beenden, kann das außen auch nichts werden...
Liebe Grüße,
Barbara

KUNO

Wie wahr, wie wahr.


#7 Daniela

Liebe Kuno,
bei deinen Texten denke ich mir immer, was kann ICH schreiben, um deinen Gedanken gerecht zu werden? Es fällt schwer, denn deine Gedanken kann ich absolut nachvollziehen aber könnte sie nie genauso wie du in Worte fassen. Dafür mag ich deinen Blog. Du kannst in Worte fassen, was mir nur in Gedanken gelingt. Wahnsinnig schön.
LG Daniela

KUNO

Wow, vielen, vielen Dank! Ich finde es immer wahnsinnig spannend und interessant was andere zu meinen Texten sagen, aber hätte niemals mit so einer lieben Reaktion gerechnet! :)


#6 Diana

Liebe Kuno,
danke für Deinen Beitrag, der so anders ist als die anderen Beiträge, die ich heute gelesen habe und den ich nicht ganz verstehe. Er zeigt mir jedoch eine wichtige Seite des Reisens auf: das Weitergehen, das Übersichhinausgehen, das Fallenlassen.
Danke.
LG Diana

KUNO

Wenn du es mit "das Weitergehen, das Übersichhinausgehen, das Fallenlassen" auf den Punkt bringen kannst, hast du einen großen Teil dessen verstanden, was ich sagen wollte ;)


#5 Kathi

Liebe Kuno,
was für wahnsinns Bilder. Die Aussicht muss ein absoluter Traum gewesen sein. Ich kann schon verstehen, dass man sich da auf einmal ganz klein fühlt und nachzudenken anfängt.
Mein Lieblingssatz ist tatsächlich dieser: ,,Aber es gibt da draußen so viel Grausamkeiten, so viel Unrecht, so viel Gewalt, dass man sich fragen sollte, ob es nicht wahr ist, dass nur der Traum einen beschützt, wo das Leben es nicht länger kann." Es steckt so viel Wahrheit darin.
Danke dir für den tollen Beitrag, der wie immer wunderschön geschrieben ist.
Viele liebe Grüße
Kathi

KUNO

Ich danke ebenso ;) Die Aussicht war der absolute Wahnsinn! Auf der einen Seite ist der Nebel aufgezogen und sonst überall unberührte, gewaltige Natur.


#4 Nina

Hi, schöne Bider habt ihr da. Zum Text kann ich nicht allzuviel sagen, da ich es leider sehr anstrengend finde ihn zu lesen. Ich bin halt nicht der dichterische, künstlerische Typ, der gern umschreibt. Ich bin eher der Mensch, der klar und knapp auf den Punkt bringt, was ich denke. Aber wie gesagt, eure Bilder mag ich gern und schau ich mir auch immer gern auf Facebook an :) Viele Grüße, Nina

KUNO

Gut, dass nicht alle Menschen gleich sein und auch wenn es nicht deinen Geschmack trifft. Trotzdem vielen Danke für deinen Kommentar und viel Spaß weiterhin beim Fotos ansehen ;)


#3 Susanne

Liebe Kuno,
dein Artikel ist so schön geschrieben. Ich hätte ihn mir am Liebsten vorlesen lassen, den für mich gleicht er schon fast einer Entspannunggeschichte, so wie man sie bei Fantasiereisen findet. Nur das es hier keine Fantasie ist, sondern uns an einen realen Platz mitnimmt.
Danke, Susanne

KUNO
Vielen, vielen Dank :)


#2 Simone

Liebe Kuno,
ich musste den Artikel mehrere Male lesen, um ihn zu verstehen. Aber öfter ich ihn lese, desto mehr stimme ich mit dir überein. Das Leben ist zerbrechlich und wir stehen so oft an einer Klippe oder einem Abhang und es könnte so schnell alles vorbei sein. Viele brauchen erst eine extreme Erfahrung, um ihr Leben schätzen zu lernen. Umso schöner, wenn es immer mehr Menschen gibt, die verstehen, dass es nur dieses eine Leben gibt und das will in vollen Zügen gelebt werden.
Viele Grüße
Simone

KUNO

Danke für deinen Kommentar und das mehrmalige Lesen :) Ich denke, dass einem in solchen Situationen noch einmal bewusst wird was man zu verlieren hat.


#1 Katja vom WellSpa-Portal

Hallo Kuno,
"Ich habe gesehen, was das Leben zu bieten hat und die Welt einem zeigt, aber auch was sie fordert und was sie nimmt." diesen Satz finde ich wunderbar, denn er sagt irgendwie alles in einem aus.
Es gibt soviel, was wir nicht selbst in der Hand haben, was schlimmes passiert oder unverhofft kommt. Doch es lohnt sich ganz sicher zu versuchen, die Welt täglich ein kleines bisschen besser zu machen.
Oft reicht schon ein Lächeln.
Sonnige Grüße
Katja

KUNO

Wie wahr, man kann mit den kleinen Dingen schon sehr viel bewegen, sich selbst damit glücklich machen und andere ;)