Mut und Fehler

Es ist der Abschied. Es ist die Müdigkeit. Es ist die Traurigkeit im Blick. Es ist das Verlorensein. Es ist der Preis, den es zu zahlen gilt.

An einem ziehen die Gesichter vorbei, die man verlassen hat und die, die man nicht mehr wieder sehen wird.

Man findet in den Nächten keinen Schlaf, weil im Kopf alles kollidiert und zu Scherben fällt. Während die Splitter zerstauben, spiegelt sich in ihnen friedliches Licht und macht den Augenblick zu einem wunderbaren.

Dann sieht man wie Gletscher fallen und Lava in die Luft sprüht. Man atmet die kaum vorhandene Luft ein, die auf den großen Gipfeln dieser Erde fehlt. Auf einmal tauchen Haie vor einem auf und Kinder rennen einem mit einem Flehen hinterher, das keine Sprachdefizite kennt. Wellen schlagen einem ins Gesicht und die Ungerechtigkeit der Welt. Man fällt hin, schürft sich die Knie auf und fällt und fällt wieder, weil man es irgendwie tun muss, wenn man sich wieder erheben will.

Hinter einem tauchen all die Momente auf: die Abende in irgendwelchen Bars, die Gitarrenklänge und das Bier. Die Sonnenuntergänge und die Weiten, die keinen Horizont kennen.

Der Mond spiegelt sich in den Seen, die Berge sind mit Schnee bepudert. Der Wind raschelt durch das Laub, durch die Felder und manchmal, ja, da peitscht er durch die Welt und an den Tannen vorbei.

Manchmal ist es, als könnte es das Herz nicht mehr ertragen. All das. Aber vielleicht ist es der Preis, den es zu zahlen gilt. Dann lacht das Leben und der Moment tanzt ganz wild um die eigene Achse. Es gibt die Stille, aber egal wie tonlos sie beginnt, am Ende ist sie laut und wunderbar. Denn da sind so viele Erinnerungen und so viele Tage voller Wunder und Glück. Da sind Freunde und da ist Liebe, da sind Träume und da ist der unbändige Wunsch das Leben aufzunehmen. Es zu atmen, auch wenn die Luft dünn wird.

Also steigt man ein in das nächste Abenteuer, gibt seinen Tribut und fordert von sich selbst mehr, als man erwarten kann. Man übersteigt die Grenzen und fragt sich am Ende wie es hatte so weit kommen können. Dann breitet sich ein Lächeln aus und es geht hinaus in die Welt. Es macht sie für diese eine Sekunde heil. Dann schallt das Lachen der Kinder über das Land und dann erhebt sich das reine Weiß der Gletscher. Dann begegnet man wilden Tieren und schläft unter Sternenhimmeln, die so weit und so groß sind, dass man nicht fassen kann, dass sie wirklich da sind.

Es ist diese Unfassbarkeit. Dieses große Wundern. Dieses unbeschreibliche Glück. Die Grenzenlosigkeit. All das is es, was man bekommt, wenn man den Preis zu zahlen wagt. Und der Preis ist nicht mehr, nicht weniger als ein bisschen Mut. Denn damit beginnen die Geschichten, die groß sind.

 

Vielleicht rennt man manchmal ganz falsch in eine Richtung, aber man wird es schon merken. Man wird Fehler machen. Tag für Tag. In sechzig Jahren wird vielleicht mal jemand nach diesem einen weisen Rat fragen und ich werde sagen: Mach ihn, diesen Fehler und dann wachse. Dann würde ich an all die Momente denken, die hinter mir liegen und vielleicht, ja, vielleicht wäre der Koffer dann schon längst wieder gepackt. Denn mit fünfundachtzig Jahren, so scheint es mir, kann man nochmal einen Fehler machen und etwas Mut beweisen.