Argentinien

Argentinien lässt einen in der Weite zurück oder vor den gigantischen Ausmaßen der Gletscher, nimmt einem alles und fordert seinen Tribut, lässt einen nicht ungestraft durch die Lande ziehen und ist dennoch - oder gerade deswegen - voll von atemberaubender Schönheit.

Respekt und Tribut

Luli klettert vor mir den Felsen hinunter, den wir zuvor mühevoll erklommen haben. Die Sonne steht hoch, unsere Hände sind trocken und unser Körper voller Schrammen und Abschürfungen. Lulis Worte sind noch in meinem Hinterkopf: Hab' keine Angst vor dem Berg, aber gebühre im Respekt. Plötzlich löst sich der Stein, an dem Luli sich festhält und stürzt mir ihr in die Tiefe. Sie schlägt fast gegen den Felsen, fällt mit dem Gesicht voran nach unten und kann erst im letzten Moment ihren Körper zurückziehen und den Sturz abfangen, bevor der abgegangene Stein neben ihrem Kopf krachend auf den Boden fällt und weiter den Berg hinunterrollt, als hätte er gerade nicht mit angesehen, wie sich der Berg seinen Respekt einholt. Mit einem verstauchten Knöchel und einem ungläubigen Blick starren wir uns an und haben noch lange nicht realisiert, was da gerade passiert ist.


Das Farbenkleid des Himmels

Die Dämmerung löst langsam die Helligkeit ab und löscht alle Farben aus. Der Himmel lässt noch ein letztes Mal für diesen einen Tag ein Spektakel zu und färbt sich in abertausend Nuancen von Rot, Blau und Violett. Es herrscht friedvolle Stille während die Nacht langsam übernimmt und die Sterne ihre Lichter anzünden.

Stille

Auf dem Gipfel weit oben unter dem Himmelszelt herrscht nichts als Stille. Ein Versprechen zwischen Mensch und Natur - wenigstens dieses eine Mal. Es ist kalt, der Wind weht eisig. Man selbst steht dort, verharrt für einen Moment, kann nicht atmen, weil es schier überwältigend ist. Der Berg, die umliegenden Gipfel, die Seen, der Horizont, der sich am Ende der Welt in sich selbst verliert. 

Und selbst wenn der Gipfel im Nebel verschwindet, es dem Mensch vergönnt an diesem Tag die volle Pracht zu sehen, steht er doch thronend über allem und lässt nur erahnen zu welcher Gewalt er fähig ist.

Piltriquitron
Piltriquitron
Fitz Roy
Fitz Roy

Laguna del Torre
Laguna del Torre

Let us not take this planet for granted

Der Wind weht stark über den Bergkamm, Spalten des Gletschers fallen tosend in die Tiefe und Eisschollen treiben langsam und in steter Ruhe ihrem Ende entgegen. Es ist der perfekte Moment. Ein kurzer Augenblick. Dann drehe ich mich um und höre noch einmal das Krachen des Eises. "Let us not take this planet for granted." Niemals.

Perito Moreno Gletscher
Perito Moreno Gletscher

Atlantis

Sie fragte ihn: Wohin würdest du am liebsten reisen?

Er sagte: Atlantis.

Sie blickte skeptisch drein und schaute ihn fragend an.

Die Dämmerung setzte langsam ein, das Laub hatte sich in der Herbstsonne bereits golden gefärbt.

Er schenkte ihr ein leises Lächeln, stand auf und tauchte in die Menge ein. Sie sah ihm noch eine Weile hinterher bis er gänzlich verschwunden war.

Die beiden trafen sich niemals wieder, doch als die Frau alt war und ihr Leben dem Ende nahte, da kam er zurück in ihre Erinnerung und sie fragte sich, ob er es gefunden hatte, dieses Atlantis.

Er hingegen war schon lange nicht mehr auf dieser Welt. Er war vor vielen Jahren gestorben, nicht in Ruhe, aber während seines letzten Atemzugs da hatte er sich gefragt, ob jemand anderes auf die Suche gehen und seine Träume finden würde. Denn das war es doch, was man in Atlantis suchte, oder etwa nicht?

Viele Jahre später stand ich am Ufer und das Laub hatte sich golden gefärbt. Der Wind wehte von der See herüber und ich konnte das leise Lächeln hören, das einst der Moment dem Leben schenkte.

 

Ruhe in Frieden.

08.01.2017

Fressen oder gefressen werden

In der Hitze verenden Straßenhunde, in der Steppe liegen Knochen, in der Weite Skelette von Tieren, die sich in Zäunen verfangen haben und elendig krepiert sind und auf dem heißen Asphalt stecken die Aasfresser ihre blutrünstigen Schnäbel in das Fleisch der Verlierer.

Und dann stehen sie da, in ihrer wilden Schönheit wie es nur die freien Tiere können. Ungebändigt und ohne im Willen unterdrückt zu sein. Vielleicht ist der Preis dafür manchmal hoch. Bei Mensch und Tier. Aber Freiheit ist eben nicht nur ein einzelnes Wort.

Am Ende der Welt

Du hast mit aller Härte zugeschlagen, hast Menschen von deinen Felsen stürzen lassen, hast die Schwachen in deiner Hitze verenden lassen und hast dir das Gesetz der Natur zu nutze gemacht. Und dennoch warst du farbenfroh und menschlich, hast gelacht und dich geöffnet für all die Wunder, die du in dir trägst.

Unter freiem Himmel hast du Gitarrenklänge ertönen lassen und dich im Wind gewogen. Der Himmel war voller Sterne und der Moment bedeutungsvoll. Und trotzdem hast du es nicht geschafft die Reisenden zu halten.



©️Kuno 01/2017

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Kommentare: 0

#9 Hartmut

Sehr schön wie du deine Gedanken in Wort gefasst hast... stimmen nachdenklich. Zum Glück ist euch beim Abstieg nichts schlimmeres passiert. Natur ist unglaublich schön, aber eben manchmal auch recht unberechenbar. Auf der anderen ist das ja auch ein Teil der Faszination... oder? Wir versuchen uns immer wieder zusammen mit unseren Kindern der Natur auszusetzen und sie so zu erleben. Aber natürlich versuchen wir dabei, keine unnötigen Risiken einzugehen, aber ganz ohne geht es natürlich auch nicht.
Bei den Bildern werde ich ganz melancholisch... erinnern sie mich doch an unsere Hochzeitsreise vor knapp 15 Jahren. Eine schöne Zeit verbrachten wir damals in Patagonien... sehr gerne würde ich wieder dorthin zurück. Nun ja, vielleicht eines Tages. Solange schaue ich mir die schönen Bilder auf deinem Blog an!
LG aus dem hohen Norden,
Hartmut

KUNO
Vielen, vielen Dank für diesen Kommentar! :) Patagonien ist wirklich traumhaft! Da würde ich auch jederzeit wieder hin zurück wollen. Vor allem die Gletscher haben es mir angetan.


#8 Michaela

Sehr schöner Bericht - ich liebe ja Natur und vor allem Berge. Auch dein Schreibstil gefällt mir sehr gut!
Ganz liebe Grüße aus Bolivien,
Michaela

KUNO

Vielen Dank! Und weiterhin viel Spaß und prägende Erfahrungen in Südamerika ;)


#7 Sabine

Du hast wieder Worte gewählt, die besonders sind, die mich nachdenken lassen und mitnehmen. Das für mich passendste Wort dieses Berichtes ist "Respekt". Eine beeindruckende Landschaft hast du erlebt und uns tolle Bilder mitgebracht. Danke dafür!
Sabine

KUNO

Danke :) Oh ja, Respekt ist ein starkes Wort...


#6 Elena

Hallo Kuno,
was für tolle Bilder und die Geschichte ist großartig erzählt; ich habe mich geistig festgehalten! Als Österreicherin habe ich Berge immer vor Augen, aber trotzdem finde ich sie bedrohlich und verspüre nicht das Bedürfnis, hinaufzusteigen. Dennoch - Bilder mit Bergen mag ich sehr. Da sind sie für mich wie ein wunderschöner Bilderrahmen, der alles perfekt abschließt.
Liebe Grüße
Elena

KUNO
Danke :)


#5 Barbara

Hallo Kuno,
Deine Reiseberichte hinterlassen immer eine Gänsehaut bei mir, ganz toll! Das sind Erfahrungen und Erlebnisse, die einen wirklich reifen lassen und irgendetwas mit einem anstellen. Weiter so und weiter auch viel Glück beim (hoffentlich nicht mehr!) Abstürzen und beim Erkunden der Welt.
Liebe Grüße
Barbara

KUNO
So Komplimente freuen mich immer sehr, danke :) Es prägt auf jeden Fall und ich denke immer wieder beim Klettern zurück an diesen Moment.


#4 Ina

Hallo Kuno,
wunderschöne Fotos hast du.
Zum Glück ist nicht mehr passiert, als Luli den Halt verloren hat. Natur kann wunderschön, aber manchmal auch grausam sein.
LG
Ina

KUNO

Danke :) Ja, es ist glücklicherweise alles gut verlaufen.


#3 Susanne

Ein fast schon poetischer Text. Ich lese deine Artikel immer wieder gerne, sie geben einen so anderen Blickwinkel wieder, der mir manchmal abhanden gekomen ist.
Gletscher sind wirklich toll. Ich habe als Kind in den Schweizer Alpen an einer Gletscherzunge gestanden. Das hat so einen Eindruck hinterlassen, dass im Geographiestudium die Morphologie und Gletscherkunde mein Hauptinteresse war (vor etwa 100 Jahren :) )
Lieben Gruß aus Krakau, Susanne

KUNO

Vielen Dank :) Ich liebe Gletscher! Sie sind so gewaltig und wunderschön :) Dann bist du richtiger Experte, was das angeht!


#2 Kathi

Liebe Kuno,
wieder einmal ein ganz toller Artikel. Dieses Mal mit noch mehr großartigen Fotos.
Allerdings wäre mir fast das Herz stehen geblieben, als Luli den Halt verloren hat. Die Macht der Natur ist manchmal nicht zu unterschätzen. Mir ist es damals in Japan durch Fukushima sehr bewusst geworden.
Viele liebe Grüße
Kathi

KUNO
Danke schön :) Mir ist das Herz auch stehen geblieben. Du warst zu der Zeit in Fukushima?! :o


#1 Jessica

Hallo Kuno,
danke für diese tollen Eindrücke! Einer meiner großen Wünsche ist es auch einmal einen Gletscher zu sehen. Das deine Wanderung abenteuerlich war, kann ich mir gut vorstellen. Deine Eindrücke entschädigen aber dafür.
Liebe Grüße
Jessica

KUNO

Immer wieder gerne ;) Ich liebe Gletscher! Sie sind immer so gewaltig und wunderschön.