Bolivien

Die Fassaden zeigen politische Bekenntnisse. Man ist für oder gegen den Präsidenten. Si oder no. Schilder sind von Geschossen durchlöchert. Bolivien ist tief gespalten. Politisch. Zwischen Tradition und dem Drang zu Fortschritt. Das Land hadert mit Jahrzehnte lang vergangenen Kriegen. Alte Frauen und dürre Männer schleppen schwere Lasten durch die Straßen. Die Gesichter sind faltig, von der Sonne gegerbt und zeigen Geschichten von harter Arbeit. Leid und Schmerz werden mit Alkohol betäubt. Die Kluft zwischen reich und bettelarm zieht sich durch das ganze Land. Korruption. Drogenhandel. Man versucht zu überleben. Irgendwie.

Mir läuft ein Kind weinend hinterher, an Armen und im Gesicht verbrannt. Ein kleines Mädchen hält mich fest, als ich gehen muss. Es ist nicht einfach mit Bolivianern eine Beziehung aufzubauen. Sie bleiben für sich. Aber wenn man es dann doch schafft das Land und die Menschen kennen zu lernen -  sie wirklich kennen zu lernen - dann sieht man die Warmherzigkeit der Mütter, die Sorgen der Väter und das wunderbare Lachen der Kinder. Bolivien ist so viel mehr als Politik und Armut.

Meine Reise beginnt mit Fieber und Kokatee. Schleppend ziehen sich die ersten Tage dahin. Doch dann kommt die Salzwüste (Salar de Uyuni). Vom Regen überschwemmt, spiegelt sich der Himmel auf der Wasseroberfläche. Der Horizont verschwindet. Es gibt nichts außer Weite, Leere und dem Gefühl dem Himmelreich ganz nah zu sein. Weiß und ein helles Azur, sonst nur Gedanken. Als die Sonne untergeht oder vielmehr in das Wasser eintaucht, verfärbt sich der Himmel in tausend Farben. Innerhalb von wenigen Minuten fehlen einem Worte und man bleibt zurück bis es auf einmal vollkommen dunkel ist. Die Salzwüste war einst ein Ozean. Wie so vieles in Bolivien ist es jetzt rau, anders und doch, wenn man den perfekten Zeitpunkt erlebt, atemberaubend und wunderschön.

Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni
Salar de Uyuni

Einige Tage später bin ich in einer Kinderklinik auf der Verbrennungsstation. Ein etwa zweijähriger Junge und ich spielen eine gute Partie Fussball und Verstecken. Nach eineinhalb Stunden müssen die Freiwilligen, die alle zwei Wochen her kommen und ich die Station verlassen. Der kleine bolivianische Junge läuft mir weinend hinterher. Mit aller Kraft hat er dazu einen schweren Tisch zur Seite geschoben. Bolivien trifft wieder einmal mit aller Härte zu.

Cochabamba
Cochabamba

Von La Paz fahre ich mit dem Mountainbike von 4700 auf 1200 Höhenmeter hinunter. Es ist die gefährlichste Straße der Welt. Auf der einen Seite erheben sich schroffe Felswände, auf der anderen befindet sich ein steiler Abhang. Wer vom Weg abkommt, wird nicht gesucht. Es gibt schlicht und ergreifend keine Möglichkeit zu überleben. Die Aussicht, das Durchfahren der verschiedenen Vegetationszonen und die Geschwindigkeit auf der alten Schotterpiste wirken berauschend. Ein Land, das ein Grenzgänger ist. Immer irgendwo zwischen absoluter Härte und Faszination. Zwei Dinge, die sich nie weniger ausgeschlossen haben.

Camino de la Muerte
Camino de la Muerte
Camino de la Muerte
Camino de la Muerte

In einer Berghütte spiele ich mit einem kleinen Mädchen. Es sind die einfachen Dinge. Das einzige, was ich teilen kann, ist ein Stück Schokolade. Sie hingegen gibt all ihr Lachen und ihre Freude in der eiskalten und spärlich eingerichteten Hütte.

Auf dem Weg zum Gipfel gilt es eine Eiswand zu überwinden. Auf der Kante fühle ich mich verloren, gebrochen. Es ist dieser Moment voller Entscheidungen. Hält man fest oder lässt man los? Fällt man hinab oder sucht man Halt? Der Gletscher lehrt mich, wer die Entscheidung trifft. Währenddessen kämpft sich die Sonne zaghaft durch den dichten Nebel. Der erste Lichtstrahl für den heutigen Tag. Es sollte der einzige gewesen sein.

Huayna Potosi
Huayna Potosi
Huayna Potosi
Huayna Potosi

Ein Taxifahrer zeigt sich interessiert in deutscher Geschichte. Zweiter Weltkrieg. Nachkriegszeit. Zum Abschied ruft er zwei Worte. Dass er nicht seinen rechten Arm zum Gruß hebt, ist auch schon alles.

Eine Frau nimmt mich mit und organisiert mir den Weg zu meinem Zuhause. In aller Eile schreibt sie ihre Telefonnummer auf. Ich soll mich melden, wenn ich sicher angekommen bin.

Eine alte Frau schenkt mir zwei Bananen. Einfach aus dem Grund, weil sie gerade auch eine isst. Abends macht mir eine junge Bolivianerin heiße Reismilch. Die Menschen sind dankbar, teilen das Letzte, was sie haben.

Titicacasee
Titicacasee

Entlang des Titicacasees herrscht hingegen eine fast ausgelassene Stimmung. Alles scheint etwas leichter zu tragen zu sein. Der See und die Landschaft um Copacabana sind malerisch und wirken milde.

Copacabana
Copacabana

Bolivien lehrt einen die wichtigsten Lektionen des Lebens. Kein Kapitel wird wiederholt. Man kommt mit oder man bleibt zurück. Das Land ist ehrlich, hart. Wie gesagt, man versucht zu überleben. Irgendwie.

© 03/2017 Kuno

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Kommentare: 0

#13 Jessica

Manchmal sind es genau diese Texte, die mich zum nachdenken bringen. Bolivien ist wahrscheinlich ein Traumland mit Macken, aber das macht Länder ja erst liebenswert. :-)
Liebe Grüße
Jessica

KUNO

Oh ja, da gebe ich dir Recht! Wer will schon in perfekte Länder reisen?! ;)


#12 Luisa

Deine Artikel und Geschichten bringen mich jedes Mal zum Nachdenken. Danke, Kuno!

KUNO
So soll es sein ;)


#11 Steffi

Hallo Kuno,
ein großartiger Artikel, der unter die Haut geht.
Die Bilder sind toll und machen Lust darauf das Land zu besuchen.
Ich selbst war bis jetzt nur für zwei Wochen in Santiago de Chile. Absolut kein Vergleich.
Bolivien interessiert mich sehr und ich bin gespannt wie ich das Land und seine Menschen erleben werde, wenn es soweit ist.
Viele Grüße
Steffi

KUNO

Danke schön :) Bolivien ist tatsächlich ganz anders. Die Menschen reservierter und die Natur teilweise sehr spektakulär - von wunderschön bis sehr schroff.


#10 Nina

Irgendwie ist dieser Artikel fesselnd, traurig und spannend zugleich. ich hab mir noch nie Gedanken um Bolivien gemacht, aber es scheint ein Land der extreme zu sein. Die Bilder der Salzwüste sind total schön. Und die Menschen scheinen so lieb zu sein. Aber auch wir haben auf Reisen festgestellt, dass Menschen, die wenig haben, das wenige noch mit einem teilen.
Lg. Nina

KUNO

Es ist wirklich beeindruckend wie manche Menschen in völliger Armut leben und ihr Letztes für einen geben würden.


#9 Anita

Hallo Kuno!
Spannend zu lesen wie du Bolivien erlebt hast. Ich kenne Südamerika überhaupt nicht, daher finde ich es sehr interessant zu erfahren, wie anders die Menschen dort auf Fremde reagieren. Der Unterschied zu anderen Gegenden auf unserer Erde, z.B. Asien, den USA oder Afrika ist schon krass. Deine Bilder von der Salzwüste und dem Titicacasee sind wirklich der absolute Wahnsinn! Danke für diesen tollen Bericht :) LG aus Kärnten, Anita

KUNO

Danke auch :) Deshalb reisen wir doch alle, nicht wahr?! Um all diese unterschiedlichen Erfahrungen zu machen, Menschen, Kulturen und Länder kennen zu lernen.


#8 Gina

Hallo,
ein beeindruckender, atmosphärischer Text!
Wir waren im Winter in der Uyuni-Wüste und haben unglaublich gefroren, aber auch die großartige Landschaft genossen.
Mit den Bolivianern in Kontakt zu kommen, fiel uns wie den meisten hier schwer. Schön, dass du es geschafft hast.
LG
Gina

KUNO

Vielen Dank :) Oh ja, Bolivien kann höllisch kalt sein!


#7 Mario

Hallo Kuno,
das nenne ich einen ungewöhnliche Schreibstil, da muss man ganz in Ruhe lesen und sacken lassen was du schreibst. Eine interessante Kombination aus Erlebnissen, das Ganze gewürzt mit wunderschönen Naturbildern.
Gruss Mario

KUNO

Danke :)


#6 Susanne

Was für ein toller Artikel! Ich bin beeindruckt von einem Land, von dem ich bisher noch nichts weiß. Du lässt deine Erlebnisse durch deine Worte so wunderbar lebendig werden, dass ich fast neben dir gestanden habe und alles miterlebt haben. Vielen Dank!
Lieben Gruß, Susanne

KUNO

Wenn ich dir das Land lebendig erscheinen lassen habe, dann war alles richtig ;) Eine Reise lohnt sich. Bolivien ist hart und fordert einiges, aber ist dadurch sehr spannend.


#5 Eddy Harteneck

Liebe Kuno, ein ausgezeichnet geschriebener Bericht, macht Spaß, ihn zu lesen und gleichzeitig nachdenklich. Die Begegnung mit einfachen Menschen in Südamerika (in Bolivien war ich bisher nur geschäftlich) führt mir immer wieder vor Augen, wie unverschämt gut es uns geht. Glücklicher als die Bolivianer, die etwas mit Dir teilen, sind wir deshalb nicht unbedingt. Warum bloß ? LG, Eddy

KUNO

Ja, wir nehmen tatsächlich vieles für zu selbstverständlich hin. Gerade Bolivien ist in weiten Teilen des Landes sehr, sehr arm. Da beeindruckt die Herzlichkeit noch einmal mehr.


#4 Victoria

Boah ich bin total geflasht von deinem Text. So viel Gefühl und Stimmung die du einem vermittelst. Das ist eine echte Gabe, die Art wie du schreibst. Ich glaube nun ziemlich gut zu verstehen was du meinst und bin absolut Neugierig auf Bolivien. Die wenigen Bolivianer die ich kenne bestätigen mir auch was du geschrieben hast.
Viele Grüße
Victoria

KUNO

Danke schön, freut mich, wenn es dir gefällt und ich hoffe die Neugierde bleibt und du machst gute Erfahrungen :)


#3 Imke

Liebe Kuno,
das hört sich einfach toll an! Ich selbst war von Bolivien auch super begeistert - allerdings war ich genau wie Sabine nicht so sehr im Kontakt mit den Einheimischen. Super schön finde ich auch deine Bilder aus der Salzwüste. Ich war damals in der Trockenzeit dort. Mit dem Wasser muss es nochmal eine ganz andere Erfahrung sein.
Liebe Grüße
Imke

KUNO

Bolivien spaltet irgendwie alle Südamerikareisenden, aber ich fand es super spannend! Die Salzwüste ist total schön, wenn sie überflutet ist. Besonders der Sonnenuntergang: der absolute Wahnsinn! :)


#2 Carolin

Die Orte und die von Dir beschriebenen Gefühle, die Bolivien in einem weckt....das kommt mir alles so bekannt vor, obwohl es nun schon sieben Jahre her ist. Damals reiste ich auch als Backpacker durch Zentral- und Südamerika, ein Jahr lang. Inzwischen bin ich auf Bulli-Reisen umgestiegen und habe zudem Hund Yeti als Begleiter, sodass ich meistens innerhalb Europas unterwegs bin, was nicht weniger aufregend ist.
Chile, Argentinien, Mexiko.....ich werde mal weiter stöbern hier auf Deinem Blog und meine Erinnerungen wecken.

KUNO

Vor sieben Jahren war es bestimmt noch einmal eine ganz andere Erfahrung und schwieriger durch Südamerika zu reisen. Yeti ist der Beste :)


#1 Sabine von Ferngeweht

Ein toller Text - ich danke Dir dafür! Ich fand es sehr schwer, mit den Bolivianern in Kontakt zu kommen. Sie machen es Fremden nicht leicht. Umso mehr freut es mich, dass Du es offenbar geschafft hast. Vielleicht fehlte mir die Geduld und Muße dafür ...

KUNO

Danke schön! :) Es ist wirklich nicht einfach, die Bolivianer sind doch sehr eigenbrötlerisch. Aber es ist es auf jeden Fall Wert und man erfährt viel Herzlichkeit.