Chile

Das Land wird immer wieder von Naturkatastrophen heim gesucht, die allerdings zu der atemberaubenden und spektakulären Landschaft beitragen. Überall türmen sich Vulkane auf, zerklüftete Berglandschaften säumen den Süden genauso wie Wälder und Seen. Im Norden dagegen liegt die trockenste Wüste der Welt. Leer, karg, unbegreiflich. Und dazwischen? Weingüter, Surferparadies, charmante Städte und überall die Herzlichkeit der Chilenen.

Früh morgens machen wir, eine Gruppe aus einer Österreicherin, zwei Australiern, einem Amerikaner, einem Israeli und zwei Deutschen, uns auf den Weg in den Nationalpark Torres del Peine. Der Weg führt durch Wälder, steinige Passagen hinauf und über Flüsse an Abhängen vorbei. Mittags pausieren wir in einer Lichtung und frieren in der eisigen Kälte des patagonischen Hochsommers. Am Ende kommen wir an den Gipfeln, die hinter einer türkisblauen Lagune hervorragen, an. Torres del Peine ist einer der begehrenswertesten Nationalparks für Kletterer und Wanderer. Trotz des kalten Windes, der über die Höhen zieht, bleibt es ein gelungener Einstieg in ein Land, das noch so viel mehr zu bieten hat. Torres del Peine erreicht man nicht über das chilenische Festland, sondern über Argentinien oder den Luftweg. Der "offizielle" Grenzübergang für mich wartet also weiter nördlich.

Torres del Peine
Torres del Peine

Es war einmal vor etwas mehr als zwei Wochen, da trafen sich ein Brite, eine Niederländerin und eine Deutsche und da es in dem Dorf, in dem sie waren, nicht viel zu sehen gab, tranken sie einen Hagebuttenlikör, der gar zu süß war. Am nächsten Tag war der Brite weitergezogen und die Niederländerin und die Deutsche schmiedeten einen Plan. Sie wollten ein Abenteuer wagen und die Grenze überqueren, obwohl man ihnen stets davon abgeraten hatte. Am nächsten Tag hatten sie ihre Rucksäcke gepackt und machten sich unter der beißenden Sonne auf den Weg in das andere Land. Manchmal fuhren die Busse irgendwann zwischen zwölf und zwei, irgendwo an der Straße gegenüber ab, aber wenn eine Baustelle im Weg war, dann kamen sie auch manchmal nicht. Mit viel Geduld, Zeit und Spaß gelang es ihnen nach zwei Wochen wieder auf den Pfad des Lonley Planet zu kommen, die Schotterpisten hinter sich zu lassen und so etwas wie Straßenschilder zu erblicken. Und wenn sie sich nicht am Mittag getrennt hätten, würden sie jetzt wahrscheinlich ein Bierchen trinken.

Mit Annekeke überquere ich also von Argentinien kommend die Grenze nach Chile. Das erste Stück zu Fuss, dann nimmt uns ein Vater mit seinem Sohn den restlichen Weg bis nach Coyhaique mit. Der Beginn zweier aufregender, nicht immer leichter Wochen beginnt. Guten Mutes reisen wir die Carrera Austral entlang, die nur weniger Backpacker als Route wählen. Mehr als einmal sitzen wir in einem kleinen Dörfchen fest, weil es keinen Weg hinaus gibt. Was uns immer wieder den Abend rettet, sind Schokolade und Bier. Trotz der Schwierigkeiten hätten wir den Süden Chiles nicht missen wollen.


Während ich durch Chile reise, toben Waldbrände, wird das Land von Erdbeben erschüttert und von Unwettern heimgesucht. Die Fahnen hängen auf Halbmast. Überall stehen Warnschilder, weißen einem die Richtung in die Schutzzone bei Tsunami oder Vulkanausbruch. Die Chilenen wissen aber gut genug, dass es bei den meisten Katastrophen keine Rettung gibt. Ein Chilene erzählt mir, dass er nicht in Europa leben wollte, da dort zunehmend terroristische Anschläge Einzug finden. Er würde lieber irgendwo durch das Gesetz der Natur das Zeitliche segnen, als durch reinen Fanatismus.

In Pucón wartet die nächste Naturkatastrophe und zudem die, die mich am meisten betrifft. Ziel meiner Reise ist der aktivste Vulkan Chiles (Villaherrica).

Das Abenteuer im Blut

"Rocks coming down!"

"Rocks!"

"Rocks!"

Um sechs Uhr morgens klettere ich über den Zaun des Hostels. Es ist noch dunkel, als unsere Gruppe inklusive drei Guides sich für den Vulkanaufstieg fertig macht. Während die Sonne den Gletscher und die Berge in ein zartes Licht wiegt, sind wir auf dem Weg zur Base des aktivsten Vulkans Chiles, der in den letzten Wochen deutlich an Aktivität zugenommen hat. Als wir ankommen, ist der Nationalpark wolkenverhangen und auch der Vulkan von tief hängenden Wolken umgeben. Die Guides brechen die Tour ab. Es gibt keinen gefahrlosen Weg hinauf. Immer wieder fallen Steine hinunter, im dichten Nebel ein Risiko, das nicht kalkulierbar ist.

Am nächsten Tag um sechs Uhr morgens klettere ich über keinen Zaun. Trotzdem bin ich einige Zeit später mit den selben Guides auf dem Weg zur Base. Der Vulkan zeigt sich in seiner vollen Pracht. Der Himmel ist lila - rot - blau. Die ersten zwei Stunden besteht der Anstieg aus Geröll. Es geht steil bergauf. Dann eröffnet sich ein weites Gletscherfeld vor uns. Mit Spikes und Pickel geht es weiter. Nach einer Stunde mühevollen Anstiegs lassen wir uns auf einer abgelegenen Felsinsel nieder. Von unten ziehen Wolken hinauf. Die Base ist nicht mehr zu erkennen. Die Spitze des Vulkans thront über uns. Hier gibt es kein zurück. Das Ziel ist klar definiert. Doch dann überraschen uns Felsbrocken, die direkt auf uns zu kommen.

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Vulkan Villaherrica
Vulkan Villaherrica
Vulkan Villaherrica
Vulkan Villaherrica

Zentralchile überzeugt durch das Surferparadies Pichilemu, die Stadt Valparaiso mit ihrer Straßenkunst und den verwinkelten Gassen. Für mich steht aber etwas anderes an erster Stelle: Mein zehntägiger Aufenthalt bei einer chilenischen Familie in Nancagua. Ursprünglich sollte es ein Workaway werden. Englisch lehren und im Gegenzug Unterkunft und Mahlzeit bekommen. Dieses nüchterne Abkommen bricht schon am ersten Tag in sich zusammen. Was folgt sind zehn Tage in einer chilenischen Familie, die nicht besser hätten sein können. Die Mutter ist zwischen Arbeit und Hochzeitsvorbereitungen eher besorgt, dass mir nichts geboten wird. Die Kinder halten mich währenddessen auf Trab: Planschen im Pool, Longboarden lernen und Horrorfilme schauen. Abends setzen sich die Kinder vor mein Zimmer und die chilenische Inquisition startet. Im Gegenzug erfahre ich alles über die Fußballhelden und die Dolan-Zwillinge. Es gibt traditionelles Essen, die Familie nimmt mich mit zum Eis essen, fährt mit mir nach Santiago und die Abende verbringe ich mit den Eltern bei Pisco-Cola unter dem freien Sternenhimmel. Während Sternschnuppen vorüberziehen und Satelliten die Welt umrunden, geht dieser Aufenthalt langsam seinem Ende entgegen.

Pichilemu
Pichilemu
Atacama
Atacama

Atacama - die trockenste Wüste der Welt. Rodrigo und ich fahren mit dem Fahrrad ins Mondtal, um uns die zerklüftete Felslandschaft anzusehen. Die dunklen Wolken kommen bedrohlich näher und tauchen das Tal in diffuses Licht. Wir steigen eine Anhöhe hinauf und haben einen wundervollen, dramatischen Blick auf die Weite der Wüste. Der Horizont ist so unglaublich weit entfernt, dass ich nicht begreifen kann wie leer und weit das karge Land sein kann. Auf dem Weg zurück setzt der Regen ein und lässt drastisch schnell reißende Flüsse in der Wüste entstehen. Ein CONAF-Ranger rettet uns vor den Wassermassen. Schmutzig und total durchnässt verlassen wir die trockenste Wüste der Welt und verbringen unsere Abende wie gewohnt bei Bier und chilenischer Live-Musik.

Atacama
Atacama

Ansonsten zeigt sich die Wüste weit und leer. Immer wieder ragen Felsen hervor. Steile Dünen fallen unter der heißen Sonne. Unbarmherzig und gnadenlos.

Den letzten Tag in Chile sehe ich mir das höchst gelegene Geysirfeld der Welt an: El Tatio auf 4300 Höhenmetern.

El Tatio
El Tatio

Chile ist spektakulär und spannend, kennt kein Erbarmen und lässt nur wenig Zeit zur Ruhe. Die Natur nimmt sich, was sie will und gibt nicht weniger. Die Chilenen sind gastfreundlich, hilfsbereit und immer mit vollem Herzblut dabei. Ein Volk, das sich nicht unterkriegen lässt und von einem Tag in den nächsten lebt, voller Träume und Erwartungen an das Leben.

©️03/2017 Kuno

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Kommentare: 0

#10 Stefanie | Comfortzoneless

Hey Kuno,

mensch, das ist ja jetzt witzig. Gerade vor zwei Wochen war ich zu einem Vortrag eines Päarchens, das Chile per Fuß erkundet hat. Daher sagen mir nun ein paar Gebiete, wie der Torres del Peine, auch etwas. Deine Bilder sind ja absolut schön und an so einzigartige Natur erinnert man sich später immer wieder gerne - vor allem, wenn man auch nicht nur vorbei geführt wurde sondern wirklich aktiv geworden ist. Wenngleich eure Grenzüberquerung zwar abenteuerlich, aber auch sehr mutig und gefährlich klingt.

Viele liebe Grüße,

Stefanie

KUNO
Das klingt ja super spannend! Zu Fuß ist es bestimmt noch einmal härter und rauer.

Da stimme ich dir zu, es ist immer ein viel intensiveres Erleben, wenn man aktiv geworden ist, nass und schmutzig ;)


#9 Klaus Reuss

Hallo Kuno,
ganz toller und spannender Bericht. Ob ich mich getraut hätte, diese Tour zu machen, wage ich zu bezweifeln. Um so so schöner, dass ich dich zumindest virtuell begleiten durfte. Und irgendwie würde es mich dann doch reizen, das selbst zu erleben.
Liebe Grüße
Klaus

KUNO
Danke schön :) Falls du dich dazu entscheidest, bin ich schon gespannt davon zu hören ;)


#8 Eva

Jauuul. Ich will nach Chile. So lange träume ich schon davon. Deine Bilder sind spektakulär und Deine Erzählung ist ganz wunderbar. Das klingt nach einer tollen Zeit dort.

KUNO
Nichts wie los! Chile wird dich nicht enttäuschen. Gerade für Patagonien empfehle ich dir jedoch auf die Reisezeiten zu achten ;)


#7 Kathi

Liebe Kuno,
wow, was für großartige und atemberaubende Bilder. Wahnsinn! Dass Chile vielseitig ist wusste ich ja schon, aber so vielseitig hätte ich selbst nicht gedacht. Vielen Dank für deinen Bericht. Damit rückt Chile auf meine Bucketlist. ;)
Viele liebe Grüße
Kathi

KUNO
Vielen Dank :)


#6 Anita

Hi Kuno,
deine Schilderungen über dieses faszinierende Land gehen einem ja richtig unter die Haut! Chile scheint total vielfältig und interessant zu sein. Danke für diese tollen Einblicke - und deine Fotos sind wirklich der Wahnsinn :)
Liebe Grüße aus Kärnten, Anita

KUNO
Danke :) Ja, das ist es!


#5 Jessi

Wow, was für atemberaubende Landschaften und spannende Abenteuer!
Chile steigt echt immer höher auf meiner Reisewunschliste :D
Die Aussicht über den Wolken, einfach nur toll. Und so wunderbar erzählt, lieben Dank fürs Mitnehmen!
Liebe Grüße,
Jessi

KUNO
Das sollte es auf jeden Fall! Chile ist so ein schönes Land und super vielfältig ;)


#4 Jessica

Hallo Kuno,
wenn ich nicht grade auf die Reise in eine völlig andere Vegetatainszone wäre, würde ich direkt Fernweh nach der Wüste bekommen. Danke für diese tollen Artikel.
Liebe Grüße
Jessica

KUNO

Sehr gerne ;)


#3 Eva

Schon wieder ein so toller Artikel! Deine Geschichten klingen immer wieder nach Abenteuer - am liebsten würde ich direkt los :) Meine Eltern waren auch gerade erst in Chile und haben ebenso tolle Bilder mitgebracht - einfach wahnsinn!

KUNO
Danke schön :) Chile ist wirklich sehr spannend und die Landschaft einfach nur atemberaubend :)


#2 Susanne

Ein bißchen habe ich mich ja schon mit Chile beschäftigt. Dein Bericht zeigt mir aber eine ganz andere Seite des Landes. Dieser atemberaubenden Schönheit des Landes zieht mich immer mehr in den Bann. Wer weiß, vielleicht fliege ich doch mal hin.
Lieben Gruß, Susanne

KUNO

Chile ist so vielfältig und spektakulär. Auf jeden Fall eine Reise wert ;)


#1 Robert

Der Natur nackt ausgeliefert sein. Da hab ich mich während meiner Reisen doch eher wohlgehütet von Hostel zu Hostel geschwungen. Diesen Puderzucker auf Bergen finde ich jedes Mal aufs Neue faszinierend! Danke auch für die Schilderung des Chilenen. Ich finde es interssant zu sehen/lesen/hören, wie die aktuelle Situation in Europa und deren mediale Darstellung auf anderen Teilen der Welt wahrgenommen wird. Selbst vor Ort wirkt das ja immer nicht ganz so bedrohlich. Liebe Grüße :)

KUNO

Ich finde es auch immer super spannend zu erfahren wie in anderen Ländern die Wahrnehmung für politische Themen ist. Gerade in Südamerika schaut man viel auf Europa, was mir anfangs nicht so bewusst war.