Peru

In Arequipa führt mich mein Weg in das archäologische Museum der Universität, um mehr über die Inka und ihre Opfergaben den Göttern und Vulkanen zu Ehren zu erfahren. 1996 wurde das Inkamädchen Juanita im Eis des Vulkans Misti gefunden. Sie sollte nicht der einzige Fund sein. Während der Inkazeit wurden Kinder auf den aktiven Vulkanen getötet und geopfert, um die Götter zu besänftigen und Unheil abzuwenden. Das jüngste gefundene Kind war gerade einmal fünf Jahre alt. Ohne Ausrüstung zogen die Inka also auf fünftausend bis über sechstausend Höhenmeter hinauf und legten Gräber an, in die sie die Kinder, deren Nabelschnur und Wertsachen legten. In einem Grab wurden sogar sechs Kinderleichen gefunden. Die Körper sind nicht mumifiziert. Organe und gefrorenes Blut waren noch fünfhundert Jahre später zu finden. Sowohl die Gewänder, Wertsachen wie Schmuck, Skulpturen und Gefäße, sowie der Körper von Juanita (bzw. eines anderen Mädchens) sind in dem Museum ausgestellt und werden mit Ehrerbietung und Respekt behandelt. Studenten führen mit großem Fachwissen durch die Ausstellung und ein Film rekonstruiert die letzten Tage der Kinder, die zwischen Stolz, Angst und totaler Erschöpfung den Weg zu den Göttern angetreten sein mussten.

Nicht weit entfernt erstreckt sich der Colca-Canyon. Weit ab von den Touristenpfaden setze ich meine Reise durch Peru fort und wandere mehrere Tage durch das Gebiet, den Canyon herauf und herunter. Die Berggipfel und Täler sind von Nebelschwaden umhüllt, die Sonne geht langsam auf und verdrängt zunehmend Nacht und Wolken. In nicht weiter Entfernung hört man schnelles Hufgetrampel, einen markerschütternden Schrei eines Esels, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Danach ist es still. Immer wieder liegen Knochen und Schädel am Wegesrand. Straßenhunde fressen die Überreste der verendeten Tiere. Trotzdem ist es auch friedlich und wunderschön, wenn bunte Schmetterlinge über die Wildblumen hinweg fliegen und außer dem Rauschen des Flusses, dem Wind und den Vogelklängen nichts zu hören ist. Nach einigen Stunden ziehen schwarze Gewitterwolken auf. Sie bahnen sich schnell ihren Weg über den Canyon. Nicht weit entfernt wird er zum tiefsten der Welt. An der Stelle, an der ich stehe, ist er zweimal tiefer als der Gran Canyon. Kondore erheben sich majestätisch in die Lüfte während der Donner durch die Schlucht hallt. Die Nacht schickt ihre Boten vor und hüllt den Canyon in Dunst und Nebel.

Colca Canyon
Colca Canyon

Der Weg nach Machu Picchu führt über 1800 Inkastufen. Um vier Uhr morgens ist es dunkel, regnet leicht und neblig. Mitten im Dschungel erhebt sich die Inkastätte und zieht einen sofort in ihren Bann. Nach der zweistündigen Führung ist man nicht schlauer als vorher, zumindest wenn man unseren recht gehfaulen, aber sehr lustigem Guide folgt. Leider lässt auch das Fachwissen grüßen. "Die Inka haben nie Menschen geopfert, nur Alpaka und Meerschweinchen." - "Und was war mit Juanita?" - "Ach ja, und Kinder." ?! Als jemand aus unserer Gruppe ihm Kokablätter anbietet, nimmt er direkt die ganze Tüte und kaut lieber vor sich hin, als in den nächsten vier Minuten mit uns zu interagieren. Ach ja, die Begrüßung sah so aus: "Herzlich Willkommen in Machu Picchu.", gefolgt von einem fünfminütigen Telefonat. Man nimmt es in Südamerika gelassen, weshalb man den Kontinent lieben oder hassen lernt. Machu Picchu an sich ist imposant und nicht zuletzt durch seine Lage einer der eindrucksvollsten Stätten auf der Erde.

Machu Picchu
Machu Picchu
Machu Picchu
Machu Picchu

In 5227 Metern Höhe wird jeder Schritt zur Qual, jeder Atemzug zur Folter und doch ist es gleichzeitig Leben. Bergluft mischt sich mit grenzenloser Freiheit und einer unglaublich schönen Szenerie.

Rainbow Mountain
Rainbow Mountain

Die friedliche Ruhe weicht Salsaklängen. Die ersten Schritte auf der Tanzfläche sind noch zaghaft, doch dann schlägt das südamerikanische Blut in allen durch und die Nacht endet erst, als Musik, Alkohol und Menschen sich in verschiedene Richtungen auf machen. Das Leben der Nacht zeigt ein ganz anderes Peru: leicht, sorgenfrei, unbekümmert.

Zwei Tage später ein abrupter Wechsel der Landschaft. Die Ica-Wüste an der Küste Perus ruft auf zu einem neuen Abenteuer. Sandboarding. In der sengenden Hitze und dem glühend heißen Sand ist jeder Schritt die Dünen hinauf eine Herausforderung. Diese ist jedoch vergessen, sobald man auf dem Board steht. Um einen herum nichts als die trockene, harte Wüste, die einen nachdenklich zurücklässt. Angrenzend fallen Klippen zum Meer hinunter. Eine drastische, aber wunderschöne Szenerie.

Ica-Wüste
Ica-Wüste
Paracas
Paracas

Nach der Hitze der Wüste wartet Huaraz mit der Cordillera Blanca und Negra. Gletscher, tief türkise Lagunen und schroffe Berggipfel. Auf dem Weg tief hinein in die Anden liegt ein Hund, erkennbar nur noch das Skelett und der pelzerne Kopf, das Maul fürchterlich verzerrt. Später grollt der tiefe Donner durch das Tal und erschüttert Mark und Bein.


Tage später helfe ich den Flutopfern der Naturkatastrophe El Niño. Es fehlt an allem. Die Menschen sind voller Tatendrang, aber auch resigniert. Trotz all des Leids heißen sie mich lächelnd willkommen. Besonders die Kinder sind aufgeregt. Einen Europäer haben sie noch nie gesehen.

© Kuno 04/2017

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Kommentare: 0

#8 Jessi

Hach, Machu Pichu - immer noch ganz oben auf meiner Bucket List!
Bei deinen Fotos wird das Fernweh gleich wieder entfacht.
Ein bisschen schockiert war ich über die Kinderopfer ... und deinen etwas verpeilten Guide. Aber diese Kultur ist einfach so unglaublich interessant, ein toller Bericht.
Liebe Grüße,
Jessi

KUNO

Dann aber los! ;) Es wird momentan noch eine andere Inkastätte freigelegt, die wahrscheinlich noch viel bedeutender war als Machu Picchu. Da bin ich sehr gespannt, was sie für neue Erkenntnisse mit sich bringt. Ja, Kinderopfer waren sehr verbreitet, um Götter und Vulkane zu besänftigen.


#7 Anita

Machu Picchu kennt natürlich fast jeder, und die Erwartungen sind daher hoch, wenn man in Peru ist und diese Inka-Stätte besuchen möchte. Zu schade, dass die Guides sich da sehr wenig bemühen. Die Rainbow-Mountains kenne ich von Instagram. Wirklich eine einzigartige Landschaft. Peru ist so vielfältig und wunderschön - da muss ich unbedingt einmal hin. Danke für deine interessanten Einblicke! LG aus Kärnten, Anita

KUNO

Peru hat tatsächlich viel zu bieten und ist sehr spannend. Leider gibt es viele unmotivierte Guides, aber natürlich auch sehr gute!


#6 Eddy

Hallo Kuno, habe eine Frage zu Machu Picchu: lese und höre oft, daß es dort extrem überlaufen sein soll und man sehr früh dort sein sollte, um die Atmosphäre ohne allzu viele Ladungen Touristen genießen kann. Stimmt das und wie hast Du das gemacht ? LG, Eddy

KUNO
Das Problem ist, dass den Tipp mit dem frühen Aufstehen jeder kennt. Ab 05:00 Uhr kann man die Inkastufen hinaufgehen (ca. eine Stunde) und ab 06:30 Uhr öffnet Machu Picchu. Spätestens um 07:00 Uhr starten die meisten Führungen und es ist zu dieser Zeit schon recht voll. Die Busse mit weiteren Besuchern kommen ab ca. 10:00 bis 14:00 Uhr an. Um 16:00 schließt Machu Picchu. Ich war den ganzen Tag dort und fand es immer recht voll. Ab 15:00 Uhr wird es jedoch deutlich weniger und man kann kurz vor Schluss noch ein paar ruhige Minuten erleben. Aber alles in allem ist es sehr touristisch überlaufen und die Preise sind auch mitunter unverschämt hoch.


#5 Susanne

Machu Pichu gehört zu den Orten auf der welt, die ich zu gerne entdecken möchte. Die Kultur der Inka hat mich schon in der Schule begeistert.
Dein Foto von den Rainbow Mountains ist der Hammer. was für Farben! Ich kann mir vorstellen, dass es vor Ort noch viel beeindruckender sein muss.
Danke für die schönen Eindrücke.
LG Susanne

KUNO

Die Inkakultur ist wirklich sehr spannend und Machu Picchu dann gerade für dich absolut einen Besuch wert! Der Rainbow Mountain ist auch sehr schön und in echt natürlich noch viel beeindruckender als auf irgendwelchen Fotos. Ach, es gibt einfach zu viele spannende Orte ;)


#4 Kathi

Liebe Kuno,
Peru - wie toll! Ich speichere mir deinen Artikel einmal ab. Das klingt wirklich traumhaft. Besonders das Bild vom Machu Picchu und vom Rainbow Mountain ist wirklich unbezahlbar und absolut traumhaft.
Danke für den tollen Artikel. :)
Viele liebe Grüße
Kathi

KUNO

Der Rainbow Mountain lohnt sich wirklich. Die Farben sind so schön! :) Aber die Wanderung ist in der Höhe super anstrengend!


#3 Gina

Hallo Kuno,
danke für den schönen Artikel, der viele Erinnerungen wachruft. Vor einem Jahr etwa haben wir auch Arequipa,den Colca-Canyon und Machu Picchu besucht. Unsere Erfahrungen mit dem Guide waren ähnlich, er hat recht abenteuerliche Thesen zum Besten gegeben. :-D
LG und weiterhin viel Spaß beim Reisen
Gina

KUNO

Da habt ihr euch ja schöne Ecken ausgesucht :) Der Colca-Canyon war mein Favorit in Peru. Die Guides... In Bolivien wollte doch tatsächlich ein betrunkener Guide mit uns Eiswände in fünf- bis sechstausend Metern Höhe erklettern.


#2 Jessica

Peru muss ja wundervoll sein! Ich habe das Land bis dato echt stiefmütterlich behandelt. Ich glaube das muss sich bei meiner nächsten Südamerika-Reiseplanung ändern.
Liebe Grüße
Jessica

KUNO

Peru hat definitiv seinen Reiz. Sehr viel Inkakultur und super Wanderstrecken! Aber es gibt so viele schöne Ecken in Südamerika, da kann ich gut verstehen, dass man sich nur schwer für ein Land entscheiden kann ;)


#1 Michaela

Tausend Dank für diesen tollen Artikel, der für mich gerade besonders interessant ist, da ich im Moment im Norden Perus bin und in Richtung Süden reise. Der Machu Pichu und der Rainbow Mountain stehen natürlich auf dem Plan. Die Ica Wüste ist mir neu, habe ich aber auch sogleich auf meine Liste gesetzt ;)
Lg aus Chiclayo

KUNO

Ich kann dir Paracas empfehlen. Der Nationalpark ist recht schön, da der Ozean dort direkt an die Wüste grenzt. Und von Ica aus kannst du zum Sandborden und zu Buggy-Fahrten aufbrechen. Ich wünsche dir ganz viel Spaß in Peru. Es gibt so viel zu entdecken!