Philippinen

Während in Manila der Wahnsinn tobt - Luftverschmutzung, Lärm und die erst kürzlich vergangene Bluttat in einem der Casinos - tickt die Uhr in den kleinen Bergdörfern anders. Langsamer. Friedlicher. Und doch auch härter.

In Buscalan tätowiert Whang-Od, die letzte ihres Stammes, die diese spezielle Art der Tättoowierkunst beherrscht. Sie wird ihr Wissen an die Enkelinnen ihrer Schwester weitergeben, denn sie selbst hat keine Nachkommen. Mit 101 Jahren, die Angaben gehen hoch bis 106, ist sie noch voller Tatendrang und wunderschön. Gegen Nachmittag wird sie müde, aber nicht weniger sorgenvoll und bedacht, wenn der nächste sich für ein Tattoo entscheidet. Whang-Od klöppelt mit einem Stock, in den ein Dorn eines Zitronenbaums gesteckt wird, die Farbe unter die Haut. In den Philippinen herrscht eine rege Diskussion darüber, ob sie als Nationalkünstlerin anerkannt werden soll. Die Regierung wehrt es ab. Denn so berühmt und schön die Tattoos heute auch sein mögen, früher waren sie Zeichen für die mutigen und tapferen Krieger, die als Kopfjäger ihre Trophäen mit zurück brachten. In den Gesichtszügen Whang-Ods kann man nicht einmal ansatzweise erahnen was sie in den letzten einhundert Jahren erlebt hat. Sie bleibt sich treu, hat mit der Diskussion nichts zu tun und lebt zurückgezogen und einfach in ihrer Gemeinschaft. Man sieht Stolz, aber auch ihr Alter.

Von dem rauen Leben der hohen Bergdörfer geht es in Cervantes auf die Suche nach versteckten Höhlen von Generälen, die als Helden gefeiert werden. Das dichte Gestrüpp hinterlässt seine Spuren. Der Weg ist schmal und am Ende nicht weiter passierbar. Und so treten vier Reisende den Rückzug an, mit dieser Geschichte, die weit über Generäle und Legenden hinausgeht und vielmehr von Abenteuer und Freundschaft erzählt. Im hohen Gras mit nackten Füßen hat hier niemand an Schlagen gedacht.

Mt. Ulap
Mt. Ulap

Früh morgens setzt man den ersten Schritt, obwohl man nicht weiß, wohin es einen führen wird. Es ist ein Berg (Mt. Ulap), drei Gipfel, die nah beieinander liegen. Nebel zieht auf und hüllt die lichten Nadelwälder ein. Wolkenfetzen legen sich nieder. Eine Kuhherde grast friedlich in der Höhe, die keinen Lärm kennt. Am Wegrand wachsen wilde Beeren. Und dann auf einmal während man diesen Berg auf sich nimmt, findet man einen Freund für’s Leben. Einen, mit dem man wild umherlaufen und über Magie reden kann. Einen, der laut ist und dann leise, weil ein einziger Blick genügt und man das selbe spürt: diese ewige Stille, die nur auf Gipfeln herrscht.

Mt. Pigingan
Mt. Pigingan

Am nächsten Tag ist der Berg (Mt. Pigingan) ein anderer. Steiler. Anspruchsvoller. Eine wilde Herde Büffel beharrt auf ihren rechtmäßigen Platz. Es ist ein stilles Abwarten. Ein gegenseitiges Beäugen. Irgendwann verliert die eine Seite das Interesse und die andere die Angst. Die Büffelherde lässt einen in stillem Einvernehmen passieren und zieht selbst weiter ihrer Wege. In einer Lichtung lassen wir uns nieder, lauschen dem stärker werdenden Wind und wie er durch die Nadelbäume zieht. Das letzte Stück bis zum Gipfel müssen wir klettern. Die steilen Felsen geben nicht viel Platz für Fehltritte. Am Ende schauen wir ungläubig über das Land, die Berge und die aufziehenden Gewitterwolken. Der Berg hat uns noch lange nicht die Sicherheit versprochen. Doch da ist es wieder: dieser eine Blick und das selbe Gefühl in der ewigen Stille, die nur auf Gipfeln herrscht.

Marlboro Hills
Marlboro Hills

Die Nacht lässt langsam ihre Schleier über den Marlboro Hills fallen und die Sonne geht über der weißen Wolkendecke auf. Langsam erhebt sie sich und taucht alles in ein goldenes Licht. Friedsam und geheimnisvoll liegt die Welt einem zu Füßen während man auf dem Gipfel steht und sich der Horizont noch in dunkles Schwarz hüllt. Der Mond verblasst langsam und überlässt dem Tag die Bühne.

Drei Tage später stirbt der Tourguide. Er überlebt einer der Höhlen in Sagada nicht, die er mit anderen Guides erkunden wollte... Ruhe in Frieden, Roderick. Es war mir eine Ehre.

Doch egal wo, man spricht es aus: Der Islamische Staat hat Einzug auf den Philippinen erhalten. Der Präsident lässt Drogendealer hinrichten. Gesetze sind aufgehoben worden. Das Land steht vor einer politischen Zerreißprobe. Menschenrechte werden außer Acht gelassen und in alten Barracken kämpft der einfache Mensch um die eine Ernte, die ihn am Leben hält.

Dieser einfache Mensch jedoch zieht einen mit seinem ehrlichen Lächeln in seinen Bann. Es ist diese wahnsinnige Freundlichkeit und Herzenslust, die die Philippiner so einzigartig macht. Trotz all der gegerbten Gesichter und faltigen Hände, man hilft wo man kann.

Und dann, weil es irgendwie falsch wäre, wenn es nicht so sein würde, trefen sich zwei Menschen wieder, die nach so wenig Tagen eine so große Freundschaft verbindet, dass es fast schon unerträglich ist, dass der eine bleibt und der andere geht. Für einen Augenblick hasst man das Reisen, weil über ihm auch immer der Abschied thront und doch ist man dankbar - für die Beeren am Wegrand, das kühle Bier und die Gitarrenklänge, die alles auf einmal so unwirklich erscheinen lassen.

Mt. Ulap
Mt. Ulap
Mt. Ulap
Mt. Ulap

Kurz bevor der Flieger geht, erinnert man sich zurück und es zerreißt einen auf einmal. Nicht langsam und leise, sondern ruckartig und schmerzvoll. Denn irgendwie weiß man plötzlich, dass dieses Versprechen des Wiedersehens wahrscheinlich eh nichts kann.

Die Philippinen waren wunderschön. Die Menschen wahnsinnig herzlich und wunderbar. Aber wann immer ich zurück denken werde, es ist Jarlaw, der da sein wird. Dieser eine Freund, mit diesem einen Blick, in dieser einen Stille, die nur auf den hohen Gipfeln der Berge herrscht.

©️Kuno 07/2017

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